
Ein “oulta Wäldar”, der nicht still sein kann
Der Auer Peter Bayer im VN-Interview über die Zukunft der Racing Bulls, die Formel 1 ab 2026 und ein Rückblick in die FIA-Vergangenheit.
Romanshorn Peter Bayer führt als erster Vorarlberger die Geschäfte eines Motorsporteams in der Formel 1. Der 51-jährige Bregenzerwälder aus Au verantwortet seit vergangenem Herbst das Visa Cash APP Racing Bulls Formula One Team, kurz Racing Bulls, das ist der ehemaligen Rennstall Scuderia Alpha Tauri, vorher Toro Rosso. Bei einem Besuch in der Autobau-Erlebniswelt in Romanshorn bestaunte Bayer mit Gattin Isabell, sowie den Söhnen Marlon und Fernando, die umfangreiche Ausstellung an Fahrzeug-Raritäten aus aller Welt. Und fand Zeit für ein Interview mit den VN.

Zuerst muss ich Ihnen das Versprechen abringen, dass es für eine ungeschickte Frage nicht gleich einen rechten Haken absetzt. Sie sollen den Boxsport entdeckt haben.
BAYER Boxen ist Fitness für mich, eine extrem gute Art, um zu trainieren. Man stärkt Herz und Kreislauf, auch Schnelligkeit und Spritzigkeit. Ich mache das privat mit einem Trainer zu Hause in Lausanne.
Und es sollen zehn Paar Ski in ihrem Keller stehen. Wieviel Zeit bleibt für den Wintersport?
BAYER Ich habe die Formel-1-freie Zeit zu Weihnachten zum Skilaufen genützt, da sind eine Woche lang die Werke zu. Ich war in Villars auf der Piste, aber auch einige Male in meiner Heimat in Au, in Damüls, Warth, am Diedamskopf. Früher ist Marlon Skirennen gefahren, Fernando, der Jüngere, hat mit dem Freeride angefangen. Er konnte im Bregenzerwald gut trainieren, wir haben das Gelände und vor allem die Felsen genützt.

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Beim Grand Prix in Miami haben Sie und ihr Team es ziemlich bunt getrieben. Zum einen fuhren Yuki Tsunoda (Anm. d. Red.: 7.) und Daniel Ricciardo (5.) Punkte ein, zum anderen gab es in der Formel 1 noch nie einen so farbenprächtigen Boliden zu sehen.
BAYER Miami war sehr erfolgreich, in jeder Hinsicht. So ein buntes Auto gab es noch nie. Es war die Idee von Sponsor Visa, die haben in Amerika für junge Leute eine Kreditkarte in Regenbogenfarben auf den Markt gebracht. Sie heißt Visa-Chameleon und dementsprechend wünschte man sich, das Auto umzulackieren. Das war ein Riesen-Aufwand. Die Techniker geben ein Gewicht von maximal 300 Gramm vor, so haben wir mit großen Folien gearbeitet, die leichter als die Farben sind. Wir sind zum schönsten Auto gewählt worden. Wir haben gesagt, wenn wir schnell auch noch sind, das wäre dann Spitze. Es hat funktioniert.
Toro Rosso und Alpha Tauri waren immer das Juniorteam von Red Bull, sollte junge Fahrer weiterbringen. Mit Ricciardo sitzt jetzt bei den Racing Bulls neben Tsunoda ein gestandener Pilot im Cockpit.
BAYER Die Idee ist, neben einem jungen Fahren einen erfahrenen Piloten zum Einsatz zu bringen. Ricciardo hat mit dem vierten Platz im Miami-Sprint aufgezeigt, er kommt wieder. Er ist auch im Grand Prix super gefahren, hat mit viel Routine über 18 Runden seine Position gut verteidigt. Yuki hat sich sehr gut entwickelt, ist von weit hinten gestartet, konnte nach dem Unfall das Safety Car gut nützen und Topautos überholen. Er hat sich körperlich und geistig hervorragend entwickelt. Ihm ist klar geworden: Jedes Mal fluchen kostet ein Zehntel.

Wird auch Liam Lawson oder ein anderes Talent seine Chance bekommen?
BAYER Die Gesellschafter Mark Mateschitz und Chalerm Yoovidhya haben die Idee des Junior-Programms mitformuliert, Helmut Marko hat grundsätzlich die globale Verantwortung. Er betreut Fahrer in der Formel 4, F 3, F 2 und wir diskutieren momentan, ob es Sinn macht, uns auch in der Kart-Serie umzuschauen. Mercedes hat Kimi Antonelli bereits im Alter von 12 Jahren unter Vertrag genommen. Sie suchen sich jetzt schon wie im Fußball-Talente heraus. Ein Fahrer, der die Ausbildung bei uns genossen hat, sollte idealerweise in drei, vier Jahren im Red-Bull-Team landen. Liam Lawson steht bei uns in der Poleposition, wir arbeiten aber auch viel mit Isack Hadjar, er fährt an den Renn-Wochenenden viel am Simulator. Dort werden kleine Abstimmungen vorgenommen, er berichtet darüber, das wird dann ins zweite Training übernommen, das Programm geht über Nacht durch. Auch Ayumu Iwasa gehört zum Talentepool. Aufgabe ist es, nicht nur schnell zu fahren. Es geht auch darum, in 20 Runden auf eine Richtzeit, also auf die möglichst gleiche Zeit zu kommen.
Apropos Talent: Inwieweit kann der Herr Papa helfen, dass Filius Marlon die Kurve in den großen Motorsport kriegt?
BAYER Der Papa hilft hauptsächlich als Sponsor. Wir haben spät mit dem Motorsport angefangen, aber er fährt relativ gut, trainiert fleißig, ist diszipliniert, macht physisch viel. Er hat letztes Jahr die Junioren-Kategorie der Schweizer-Meisterschaft gewonnen, ist aufgrund seiner Größe und des Gewichts in die Senior-Klasse umgestiegen. Vom Alter her könnte er noch bei den Junioren fahren. Er ist als Jüngster jetzt auf den dritten Platz gefahren, der Fokus liegt heuer auf der Autobau-Schweiz-Serie. Daneben hat er angefangen internationale Rennen wie die Euroserie zu fahren, hat im letzten Rennen vor dem Finale 17 Plätze gut gemacht und gute Rennpace bewiesen. Ich schaue dazu, dass er das richtige Team, das richtige Material hat, sich vom Kopf her darauf einstellt. Viele 15-Jährige versuchen es mit aller Gewalt in der Formel 4 und es kommt nichts heraus.
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Geben Sie uns eine Kurzbeschreibung, was in ihrer Verantwortlichkeit als CEO bei den Racing Bulls liegt.
BAYER Wir sind zu zweit für das Team verantwortlich. Laurent Mekies, der von Ferrari gekommen ist, kümmert sich hauptsächlich um den Rennbetrieb. Mein Aufgabenbereich liegt im Business, Sponsoring und der strategischen Arbeit. Dazu gehören die Finanzen, rechtliche Fragen, Personal, Kommunikation, Marketing und die Produktion in der Fabrik. Ich war jetzt in Amerika auf dem ersten und dritten Rennen, dazwischen musste ich mich im Werk um das Tagesgeschäft kümmern. Zuletzt stimmte ich mich in Salzburg mit dem Hauptquartier ab. Die Racing Bulls agieren aber im italienischen Faenza als eigenständige Gesellschaft.
Sie haben bei Ihrem Dienstantritt kritisiert, dass in der Vergangenheit die beiden Red Bull Teams ihre Ressourcen nicht besser abgestimmt und genützt zu haben. Was hat sich geändert, gibt es bei RB Racing mit Helmut Marko und Christian Horner Verständnis für ihre Anliegen?
BAYER Die Zusammenarbeit hat sich wesentlich verbessert. Einerseits sind es technische Synergien, die im Reglement vorgegeben sind. Wir dürfen z. B. die gesamte Radaufhängung und die Federung verwenden, das hat Alpha Tauri in der Vergangenheit selbst gemacht. Das haben wir von Oracle Red Bull übernommen, die können mit viel mehr Aufwand entwickeln. Wir merken, das es Sinn macht. Den Simulator, der bei Red Bull in England steht, können wir uns nicht leisten, dürfen ihn aber tageweise buchen, ebenso den Windkanal. Das erlaubt uns als Team relativ effizient und mit dem Budget verträglich Formel 1 zu betreiben. Dieses Modell machen auch Ferrari und Haas, Williams und Aston Martin mit Mercedes. Nicht erlaubt sind Vergleiche oder ein direkter Informationsfluss mit RB Racing. Adrian Newey darf uns nicht bei der Aerodynamik helfen, da haben wir nur seine Querstrebung von der Aufhängung ins Auto übernommen. Gleichzeitig arbeiten wir in Kommunikation und Marketing zusammen, es gibt jetzt eine neue Einheit, die beide Teams in diesem Bereich betreut. Visa ist so ein Beispiel, die sind auf beiden Autos vertreten.

Inwieweit tangiert ihr Team die Konflikte rund um Red-Bull-Teamchef Horner, den Abgang von Newey oder die Wechselgerüchte um Max Verstappen?
BAYER Wir konzentrieren uns auf unser Tagesgeschäft. Es ist schwierig, das in aller Komplexität zu verstehen, was da tatsächlich los ist. Franz Tost, mein Vorgänger, Freund und Wegbegleiter sagt: Peter, den Kopf unten halten und aufs Tagesgeschäft konzentrieren.
Die Racing Bulls stehen nicht mehr zum Verkauf?
BAYER Nein, die beiden Gesellschafter Mateschitz und Yoovidhya bekennen sich zum Team, der Verkauf war eine Diskussion im letzten Jahr. Ich habe eine sehr klare Vorgabe: Wir müssen sportlich und kommerziell erfolgreich sein und auf eigenen Füßen stehen. Momentan funktioniert das. Wenn der Rennstall heute eine Milliarde wert ist, sind es in drei Jahren vier. Da macht ein Verkauf keinen Sinn.
Als Generalsekretär beim Internationalem Motorsportverband unter Präsident Jean Todt haben Sie hauptverantwortlich am neuen Formel-1-Motorsportpaket, das ab 2026 gelten wird, mitgewirkt. Gibt es da einen Entwicklungsvorsprung für ihren Rennstall?
BAYER Es ist ein hochtechnisches Projekt. Mein Job war die strategische Ausrichtung, die gemeinsam mit Todt, Formel-1-CEO Stefano Domenicali, Ola Källenius von Mercedes, John Elkann von Ferrari diskutiert wurde, auch Audi und Porsche waren auf Chairman-Level dabei. Meine Frage an die ehrenwerte Runde war: Was muss die Formel 1 tun, damit sie relevant und interessant bleibt? Sie haben dann gesagt, es wäre zwar interessant und eine Überlegung wert, wieder einen V10-Motor zu bringen. Das Statement der Industriekapitäne war aber klar: Es muss für das politische Umfeld, den EU-Reglements, den Abgasverordnungen relevant bleiben, damit also auf dem jetzigen Niveau mit dem 1,6 Liter V 6 weitergehen. Die Vorgabe war: Die Hälfte muss elektrisch sein und zu 100 Prozent nachhaltig. Unmöglich haben die Techniker alle gesagt, das ist ein Blödsinn. Meine Aufgabe war dann, die technischen Team-Verantwortlichen mit den Benzinherstellern für zwei neue Visionen ins Boot zu bekommen: Die Effizienz des Motors ist zu steigern, die Emissionen des neuen Benzins müssen reduziert werden. Auch Reifenhersteller Pirelli ist sehr daran interessiert, neue Mischungen zu bringen. In der Formel E fährt man einen normalen Straßenreifen, der hat wenig Abrieb, die Performance ist aber nicht vergleichbar. Dazu muss man wissen: Der C02-Abdruck eines Rennens liegt ja nur bei einem Prozent, die anderen 99 sind Logistik, Transport, Zuschauer oder das Rahmenprogramm.

Dass sie in ihrer früheren FIA-Position auch an der eingeführten Finanzobergrenze beteiligt waren, fällt ihnen jetzt nicht auf den Kopf?
BAYER Das war einer der Hauptgründe für mein Engagement in dieser Richtung. Das Reglement kenne ich in- und auswendig. Für die kleineren Teams ist es wenig relevant, es wird jährlich Index-angepasst. Für uns ist es also machbar innerhalb dieser Beschränkung zu fahren. Mercedes, Ferrari und Red Bull, die 400 bis 500 Millionen pro Jahr ausgeben, mussten ihr Personal neu aufteilen. Mercedes ist am Americas Cup im Segeln engagiert, Ferrari im World Endurance Programm, Red Bull hat Personal in die „Advanced Technology“, also den Transfer von Technologie, wie der Hyper-Straßenauto-Serie und in den Segelsport, umgeschichtet. Die Regel, einen Mitarbeiter auf verschiedene Projekte aufzuteilen, also drei Tage Formel 1, zwei beim Segeln, ist umstritten und wird 2026 ist abgeschafft. Es gibt bei der Budgeterstellung einige Ausnahmen, so fallen Fahrergehälter, Reisen, Marketing oder die drei bestbezahlten Personen des Unternehmens nicht in diese Regelung. Es wurden im Tagesgeschäft viele Extravaganzen gestrichen, die Tests reduziert, es haben alle eine maximale Effizienz finden müssen.
Was wird für den Formel-1-Fan mit dem neuen Reglement 2026 interessanter oder spannender?
BAYER Ich bin ein großer Fan vom Sound, ein Autorennen musst du hören oder spüren. Es gibt zwei Energie-Generatoren: MGU-K über die Energetik und über H wie Hitze. H ist wie ein Turbolader, der über den Auspuff gestülpt wird und die Abgase wieder verwendet. Der ist jetzt weg, weil er so hochkomplex war. Das war die geniale Idee von Mercedes und hat sie so dominant gemacht. Lange Rede, kurzer Sinn: Man wird die Motoren wieder besser hören. Die Autos werden kleiner, schmaler, kürzer, damit gibt es wieder mehr Platz für Überholmanöver, es sind mehr aktivere aerodynamische Elemente erlaubt, wie etwa beim Frontflügel. Und auch der Fahrer wird wieder mehr gefordert.

Gerade erst hat Natalie Robyn als CEO den Internationalen Motorsportverband verlassen, zuvor waren Sportdirektor Steve Nielsen, Technikdirektor Tim Goss und Damen-Repräsentantin Deborah Mayer von Bord gegangen. Sind sie froh, den Absprung früher geschafft zu haben?
BAYER Im Nachhinein ja (lacht). Ich bin ein Ziehkind von Jean Todt, ich habe gerade am Sonntag wieder lange mit ihm gesprochen. Er ist wie ein Onkel für mich, er hat mir alles beigebracht, mich begleitet und empfohlen. Der aktuelle Präsident Mohammed bin Sulayem ist in Opposition zu Todt und seinem Team ins Rennen gegangen. Nachdem er die Wahl gewonnen hat, habe ich mir schon gedacht: Das wird spannend. Insgeheim war es immer schon mein Wunschtraum, einmal teamseitig zu arbeiten. Es gab dann Dinge, die ich nicht verstanden habe und Meinungsverschiedenheiten mit dem Präsidenten. Als „oulta Wäldar“ habe ich nicht still sein können. Ich habe mir gesagt, das kann doch nicht sein, was du da aufführst. Und nach Monaco 2022 bin ich in sein Büro und habe gesagt: Es ist besser, wir lassen das. Wenn ich arbeite, arbeite ich zu 120 Prozent, ich brauche Motivation und Leidenschaft, das hat mir dann gefehlt. Ich habe mich in der Formel 1 sehr gut mit Stefano Dominicali verstanden, wir gingen Hand in Hand. Ich habe mich auf meinen Teil mit dem Regulatorischen, er auf den Kommerz konzentriert. Wir haben uns ergänzt. Und dann ist es immer zu Grenzüberschreitungen gekommen. Die Formel 1 ist mittlerweile explodiert, ein Riesen-Businees, das nicht mehr von Telefon aus regiert werden kann. Ferrari ist drei Milliarden Dollar wert, jedes andere Team auch gut eine Milliarde, die Serie börsenorientiert. Das ist kein Spielzeug, man muss es gut verwalten. Übrigens: Goss wird zu uns wechseln. Er hat das neue Reglement entwickelt und von den Teams alle Informationen bekommen. Das ist definitiv ein Vorsprung für uns.

Im Formel-1-Kalender stehen 24 Rennen, im Jahr 2025 ebenso viele. Das scheint ziemlich herausfordernd für Mensch und Material.
BAYER Momentan ist es so, dass sich die Teams auf 24 GP’s geeinigt haben. Mehr ist logistisch nicht mehr machbar. Damit es funktioniert haben jetzt schon unsere Pitwall und die Büros in mehrfacher Ausführung. Wegen des CO2-Abdrucks wurde alles bereits Ende Dezember auf Schiffe verladen, es wird so wenig wie möglich geflogen. Ein Set geht nach Amerika, eines nach Asien, zwei sind in Europa stationiert, eines im Mittleren Osten.
Gibt es vor dem Grand Prix in Imola am Wochenende bei den Racing Bulls Neuerungen?
BAYER Gegenüber Miami sind es nur Kleinigkeiten als Unterstützung von den größeren Updates, die es schon in Amerika gegeben hat. Für Ricciardo wird es eine neue Servolenkung geben, es hat sich mit der bisherigen schwergetan. Ein neuer Unterboden kommt dann im zehnten Rennen in Barcelona zum Einsatz. Heimo Kofler