Deshalb hatte Austria Lustenaus Coach Tränen in den Augen

Sport / 24.01.2024 • 13:30 Uhr
Andreas Heraf weiß ganz genau, in welcher Situation er sich und sein neues Team befindet. <span class="copyright">apa</span>
Andreas Heraf weiß ganz genau, in welcher Situation er sich und sein neues Team befindet. apa

Lustenaus neuer Coach über den schweren Abschied von den Bregenz Spielern, warum ihn Risiken reizen, was es für das Wunder Klassenerhalt braucht und wann er ein Interview abbricht.

Lustenau Seit heute weilt der Tross von Austria Lustenau im Trainingslager in der Türkei. Dort will Neo-Trainer Andreas Heraf seiner Mannschaft den letzten Schliff verpassen, um den Klassenerhalt zu schaffen. Davor verdrückte er nach dem Wechsel von Bregenz nach Lustenau die eine oder andere Träne.

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Was waren die Gründe für diese sicher nicht leichte Entscheidung, von Bregenz nach Lustenau zu wechseln?
Es war ein Mix. Erstens ist es der Schritt in die Bundesliga. Zweitens hatte ich das Gefühl, dass die Perspektive in Bregenz Richtung Plafond geht und man das fast nicht mehr toppen kann. Ein Grund war auch, dass von Bregenz keiner auf mich zugekommen ist, um den Vertrag längerfristig zu verlängern. Nachdem ich mit Lustenau dann tolle Gespräche geführt habe, war schnell klar, dass ich das mache.

Für den Klassenerhalt mit der Austria heißt es Anpacken: Auch für den Chefcoach. <span class="copyright">Gepa</span>
Für den Klassenerhalt mit der Austria heißt es Anpacken: Auch für den Chefcoach. Gepa

Sie hatten bei Schwarz Weiß Bregenz mit 1,89 Zählern pro Spiel den besten Punkteschnitt ihrer langen Trainerkarriere im Klubfußball.
Sogar höher als in Ried, obwohl ich dort der erfolgreichste Trainer der Geschichte war. 2023 war unfassbar. Das Verrückte daran: Vor weniger als einem Jahr hab ich in der vierten Liga Bregenz übernommen, in der Eliteliga Vorarlberg. Ich hab dann in der dritten Liga mit ihnen den Titel geholt, da haben wir von 10 Playoff-Spielen nur eines verloren. Dann sind wir in die 2. Liga aufgestiegen und jetzt hab ich den Schritt zum Erstligisten gemacht. Also hab ich in weniger als 12 Monaten in vier Ligen trainiert. Ein unglaubliches Jahr. Das Risiko, kurz in die Eliteliga herunterzugehen, hat sich gelohnt.   

Mit seinen Spielern bei SW Bregenz war Heraf auf einer Wellenlänge. <span class="copyright">gepa</span>
Mit seinen Spielern bei SW Bregenz war Heraf auf einer Wellenlänge. gepa

Sie waren sehr erfolgreich. Fiel da der Abschied nicht besonders schwer? 

Ja, weil der Bezug zur Mannschaft extrem war. Ich hab Nachrichten von den Jungs bekommen, bei denen es mir die Tränen in die Augen getrieben hat. Wir sind so eng zusammengewachsen und die Erfolge haben uns so zusammengeschweißt – eine unfassbare Truppe in Bregenz, die neben den fußballerischen Qualitäten auch menschlich brutal toll ist. Eine Ausnahmemannschaft, ich wünsche ihnen alles Gute. So etwas habe ich selten erlebt. Ich werde versuchen, mit vielen der Jungs weiter Kontakt zu halten.

Das Risiko, dass Lustenau absteigt, ist groß.
Ich sehe es nicht als Risiko. Wir haben nichts zu verlieren, sind mit drei Punkten abgeschlagen Letzter. Wenn du dich in der Fußballszene umhörst, dann gibt uns eigentlich kaum jemand noch Überlebenschancen in dieser Saison. Das macht es so reizvoll. Ich bin in meinem Leben immer Risiko gegangen – zum Beispiel, das Auswandern nach Neuseeland, wer traut sich schon über sowas drüber? Oder zu Bregenz in die vierte Liga zu gehen oder das Himmelfahrtskommando Türkücü München. Ich hab keine Angst vor solchen Dingen. Das Leben ist dazu da, rauszugehen und Dinge zu probieren und nicht im sicheren Hafen zu bleiben. Auf die Schnauze fliegen, gehört dazu. Wir sind auf dieser Erde, um Erfahrungen zu sammeln – um Menschen, Sprachen und Länder kennenzulernen und Situationen zu meistern. Das wird bei mir auch bis zum Schluss so bleiben. Mir ist aber natürlich bewusst, wir können absteigen.

Es weht ein neuer Wind bei Austria Lustenau. <span class="copyright">gepa</span>
Es weht ein neuer Wind bei Austria Lustenau. gepa

Bei Rieds Rettung haben Sie damals von den letzten zehn Spielen nur eines verloren und dabei viermal zu null gespielt.
Wenn du mich jetzt fragst, ob ich wieder den Bus vor dem Tor parke, breche ich das Interview sofort ab. Natürlich ist die Defensive wichtig, aber ich lasse mich nicht mehr darauf reduzieren – so geht es mir schon meine ganze Karriere. Ich stelle da immer die Gegenfrage: Wie kann man sich für fünf WM- oder EM-Endrunden mit unseren Jugendnationalteams qualifizieren, mit Ried an dritter Stelle stehen, bis ich gegangen wurde, mit Bregenz so weit aufsteigen, wenn man nur den Bus parkt? Das geht nicht.

Schon in Ried arbeitete Heraf mit Austrias Neuzugang Leo Mikic zusammen. <span class="copyright">gepa</span>
Schon in Ried arbeitete Heraf mit Austrias Neuzugang Leo Mikic zusammen. gepa

Unser Beispiel war nicht negativ gemeint. Offenbar hängt es Ihnen beim Hals heraus, wenn man Sie als Defensivpapst bezeichnet.
Mittlerweile geht es mir ein bisserl auf die Socken, ja. Aber ich stehe zu meinem Grundsatz: Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive die Meisterschaft. Und unsere Meisterschaft ist heuer der Klassenerhalt. Die 40 Gegentore haben dazu geführt, dass wir nur 3 Punkte geholt haben.

Für das Wunder Klassenerhalt wird alles zusammenspielen müssen.
Klar, da brauchen wir jeden. Wichtig wird sein, dass wir als Mannschaft auftreten und bis zum letzten Blutstropfen alles geben. Es geht jetzt nicht um schön spielen oder individuelle Interessen, nicht um den Trainer oder die Spieler. Es geht einzig und allein um den Klassenerhalt und den Verein. Das Stadion wird gebaut, da wäre es ganz wichtig, die Liga zu halten. Weil das natürlich viel einfacher ist als wieder aufzusteigen. Deswegen werden wir alles investieren. Ich brauche für diese Mission Spieler, die bereit sind, ihr Leben auf dem Platz zu lassen. Es geht nur noch über die Einheit, um dieses mittelgroßes Wunder zu schaffen. Es ist ein weiter Weg, da muss man ehrlich sein.

Für Yadaly Diaby hat Heraf immer ein Wort parat. <span class="copyright">gep</span>Auch weil er des Französischen mächtig ist.
Für Yadaly Diaby hat Heraf immer ein Wort parat. gepAuch weil er des Französischen mächtig ist.

Sie sprechen einen interessanten Punkt an – im Herbst hatte man den Eindruck, dass nicht jeder aus persönlichen Interessen heraus immer alles gibt. Können Sie garantieren, dass es das unter Ihnen nicht gibt?

Das kann ich schon, ja. Weil wenn so etwas offensichtlich zum Vorschein kommt, wird es Konsequenzen geben. Da geht es gar nicht darum, dass ich es nicht dulden will – ich kann es einfach nicht dulden. Weil es geht um die Mannschaft und den Verein. Da kann ich keine Eskapaden oder Einzelgänger brauchen. Das ist im Moment aber nicht zu sehen. Die Jungs geben extrem Gas und ich bin ich begeistert, wie sie es machen bis jetzt. Ich hoffe, dass das so bleibt.