Die Geschichte der Österreicher in der National Football League (NFL)

Sport / 09.11.2023 • 18:30 Uhr
Die Geschichte der Österreicher in der National Football League (NFL)

Von Wembley-Toni bis Bernhard Raimann, dem aktuell besten Österreicher in der NFL.

Frankfurt Wenn am Sonntag um 15:30 Uhr der gebürtige Burgenländer Bernhard Raimann den Rasen des Frankfurter Deutsche Bank Parks betritt, dann ist das ein weiteres Kapital österreichischer Football- bzw. NFL-Geschichte. Denn zum ersten Mal wird dann ein Österreicher als NFL-Profi ein Spiel auf dem europäischen Kontinent absolvieren.

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Die Geschichte rot-weiß-roter Football-Spieler in der National Football League (NFL) ist zwar nicht besonders lang, aber dennoch mit einigen Highlights versehen. So kurios es sein mag, dass aktuell mit Bernhard Raimann und Bernhard Seikovits zwei Spieler in NFL-Kadern stehen, die denselben Vornamen haben, eigentlich schließt sich ein Kreis. Denn die ersten Austro-Exporte in die größte und wichtigste Football-Liga des Planeten hörten ebenfalls beide auf denselben Rufnamen. Doch dazu ein kleiner Exkurs.

Bernhard Seikovits von den Cardinals. <span class="copyright">ap</span>
Bernhard Seikovits von den Cardinals. ap

Zwiespältiges Dasein

Kicker im American Football fristen ein zwiespältiges Dasein. Einerseits sind Kicker unter den billigsten Arbeitskräften innerhalb eines Teams, andererseits können sie oftmals am Spielende mit getroffenen oder vergebenen Field Goals der Partie eine entscheidende Wende geben. Das letzte Endspiel der NFL – Super Bowl 57 – wurde mit einem aus kurzer Distanz verwandelten Treffer zwischen die Torstangen zugunsten von Kansas City entschieden. Trotzdem kennen nur eingefleischte NFL-Fans Chiefs-Kicker Harrison Butker, aber de facto alle Quarterback Patrick Mahomes.

Arizona Cardinals Tight End Bernhard Seikovits. <span class="copyright">apa</span>
Arizona Cardinals Tight End Bernhard Seikovits. apa

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Was NFL-Teams auf der Kicker-Position vor allem wollen ist Verlässlichkeit. Und diese war in grauer Football-Vorzeit deutlich weniger gegeben als heutzutage. So ergab es sich, dass manche Teams bereits früh ihre Fühler nach Europa ausstreckten. Die Dallas Cowboys unter ihrem legendären Head Coach Tom Landry waren eine Organisation, die in den 70er-Jahren ihrer Zeit weit voraus war. Nicht nur was Trainingsmethoden und Kaderzusammenstellung anbelangte, sondern auch wo und wie gescoutet wurde. So überraschte es nicht, dass Landry selbst eine Europa-Reise anführte, die das Ziel hatte, einen Kicker für die Cowboys zu finden. Landry wusste damals schon, dass die Zukunft des „kicking games“ im American Football von Europäern maßgeblich beeinflusst werden sollte. Ende der 60er und Anfang der 70er war es in der NFL noch immer Usus, den Ball mittels Spitze des Fußes und nicht via Span über weite Distanzen zu befördern.

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Anton „Toni“ Fritsch

Landry wurde in Wien fündig. Der Flügelstürmer Anton Fritsch war als Mittzwanziger bereits dreimal österreichischer Fußballmeister mit Rapid Wien und nach seinem fulminanten Nationalmannschaftsdebüt (zwei Tore bei einem Österreich-Sieg in London gegen England) auch mit dem klingenden Spitznamen „Wembley-Toni“ ausgestattet. Fritsch folgte Landrys bzw. Dallas‘ Ruf und mauserte sich über die Jahre zu einem der verlässlichsten Kicker in der NFL. 11 Jahre Profi-Football und 125 Spiele für vier verschiedene Teams sowie eine Field- Goal-Quote von knapp 70% waren für die 70er-Jahre ein starker Leistungsnachweis und wohl auch Türöffner für viele nachkommende europäische Kicker.

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Anton „Toni“ Linhart

Nur ein Jahr nach Fritsch fanden sich in der NFL bereits erste Teams, die auf Dallas‘ Spuren wandelten. Nicht umsonst heißt es in NFL-Kreisen oft „it’s a copycat league“, was in etwa so viel bedeutet, dass es sich um eine Nachahmer-Liga handelt. Der europäische Stil, einen Football zu kicken, war groß in Mode, weswegen mit Anton „Toni“ Linhart 1972 ein weiterer Ex-Internationaler des ÖFB Liga, Sportart und Kontinent wechselte. Linhart sollte nur ein Jahr für die New Orleans Saints kicken, fand in Folge mit den Baltimore Colts (die Vorgänger-Organisation der heutigen Indianapolis Colts) für sechs Jahre eine Football-Heimat. Insgesamt absolvierte Linhart 82 NFL-Spiele für drei verschiedene Teams, seine Treffsicherheit bei Field Goals lag mit knapp 60% jedoch deutlich unter jener seines Namensvetters.

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Raimund „Ray“ Wersching

Die erfolgreichste Kicker-Karriere „made in Austria“ geht auf das Konto von Raimund Wersching, auch wenn der Österreich-Bezug nur peripher vorhanden ist. Wersching wurde 1950 in Oberösterreich geboren, bevor seine Eltern nur zwei Jahre später in die USA emigrierten. So ist es nur logisch, dass „Ray“ im Vergleich zu seinen prominenten Vorgängern keine Wurzeln im Fußball-Sport hat. Wersching absolvierte die „klassischste“ aller Ausbildungen und bahnte sich seinen Weg von der High School über College-Football bis in die NFL. In der Profiliga angekommen hatte er das große Glück, in den 80er-Jahren für San Francisco zu spielen. Die dominante Mannschaft dieses Jahrzehnts gewann mit Wersching als Kicker zwei Super Bowls. Wersching spielte in 206 NFL-Partien für San Francisco und San Diego und verwandelte 67,5% seiner Field Goals. Von den kickenden NFL-Österreichern ist er der Letze, der noch lebt.

Sandro Platzgummer, 2021 bei den New York Giants. <span class="copyright">ap</span>
Sandro Platzgummer, 2021 bei den New York Giants. ap

Sandro Platzgummer

Es sollte über 30 Jahre nach Werschings Karrierenede (1987) dauern, bis wieder ein gebürtiger Österreicher einen Fuß auf ein NFL-Spielfeld setzen durfte. Der Tiroler Sandro Platzgummer war 2019 der erste heimische Athlet, der von der NFL zum Sichtungscamp eingeladen wurde. Das Besondere daran: Platzgummer, ein gelernter Running Back und damit auch Ballträger, war der erste Austro-Footballer auf einer „skill position“ (im American Football gemeinhin die Bezeichnung für offensive Positionsgruppen, die den Ball auch berühren dürfen). Platzgummer wusste 2019 die NFL-Scouts zu überzeugen und verbrachte die vollen drei geförderten Jahre im International Player Pathway Program. Mittels dieses Programms ermöglicht es die NFL jenem Team, dem der internationale Athlet zugewiesen wurde, einen extra Platz im erweiterten Kader namens „practice squad“ zu bekommen. So konnte Platzgummer zwar drei Jahre lang hautnah bei den New York Giants mit dabei sein, war aber letztlich chancenlos, Spielzeit in einem „echten“ regular-season-Spiel zu bekommen. Eine Talentprobe lieferte er aber im August 2021 ab, als er in einem Vorbereitungsspiel einen 48-Yard-Lauf hinlegte.

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Aktuelle Speerspitze

Die aktuelle Speerspitze aus heimischer Sicht bilden die beiden Bernhards. Bernhard Seikovits ist Tight End in Diensten der Arizona Cardinals und so wie Platzgummer im International Player Pathway Program. Namensvetter Bernhard Raimann durchlief so wie Seikovits in Wien die Nachwuchsschule von Rekordmeister Vienna Vikings, entschied sich aber früh für ein Austauschjahr an einer Highschool, was ihm letztlich auch ein Sportstipendium an einem US-College einbrachte. Dort mauserte sich Raimann – ursprünglich ebenfalls Tight End und damit Ballfänger – zu einem der vielversprechendsten „Offensive Lineman“ seines Jahrgangs. Deswegen wurde Raimann auch als erster und einziger Österreicher im April 2022 gedraftet und spielt seither regelmäßig in den Partien der Indianapolis Colts. So auch am 12. November in Frankfurt.

Martin Pfanner ist selbstständiger Journalist, TV-Kommentator und

Sendungsproduzent. Er arbeitet u. a. für PULS 24 und das Streaming-Portal DAZN. American Football und Eishockey sind seine großen Passionen.