Deshalb wird es ein Umdenken bei der FIS geben müssen

Felix Neureuther (39) kritisiert den frühen Start in den Ski-Weltcup, weiß aber auch um die Problematik der Sportler.
Bregenz Der Start in die neue Saison des Ski-Weltcups steht bevor. Die VN haben sich im Vorfeld mit dem deutschen Ex-Skirennläufer und ARD-Skiexperte Felix Neureuther (39) über seine Favoriten ebenso unterhalten wie Klimakrise und Skisport sowie seinen Einsatz für Kinder. Und der Bayer sagt, warum er sich mit Österreich über die Qualifikation für die Fußball-EM in Deutschland gefreut hat.
Der Deutsche Skiverband hat gerade seine Athleten und Athletinnen eingekleidet. Kommt da Wehmut auf?
Sowohl als auch. Den Rummel rund um die Einkleidung vermisse ich nicht. Das habe ich ja lange genug erlebt. Schön war, die anderen Sportler und Sportlerinnen zu treffen. Als Sportler hattest du Gefühl wie Weihnachten und Geburtstag zusammen (schmunzelt), mit all den neuen Klamotten.
Sie waren mehr als ein Jahrzehnt das Gesicht der Alpinen beim Deutschen Skiverband (DSV). Weshalb arbeitet Felix Neureuther nach seinem Karriereende nicht für den Verband?
Weil ich nie gefragt worden . . .
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.
Könnten Sie sich es vorstellen?
Aktuell, bei den Verbandsstrukturen, eher schwierig. Ich bin nicht so dieser Verbandstyp, sondern glaube, dass ich alleine mehr Dinge umsetzen kann. Um ein Teil dieser Verbandsstruktur zu sein, ist für mich die Zeit noch nicht reif. Ich verfolge natürlich den Skisport noch sehr, bin nach wie vor ein Fan des Wintersports.
Aus ihren Worten ist zu entnehmen, dass es in Zukunft durchaus möglich sein könnte?
Ja, absolut.

In einer Woche startet der Ski-Weltcup in Sölden in die neue Saison. Die Kritik aus dem Kreise der Athleten und Athletinnen ob des frühen Saisonstarts wird immer lauter. Aus ihrer Sicht: Ist der Termin noch zeitgemäß, angesichts der für alle spürbaren Klimaveränderung?
Meines Erachtens nicht, nein. Dafür gibt es echt viele Gründe. Dabei steht außer Frage, dass Sölden der perfekte Ort für den Auftakt ist: Weil auch der Hang perfekt ist, die Organisation perfekt ist. Aber der Termin ist zu hinterfragen: Ende Oktober ist der Anstrengung für den Start einfach gigantisch, weil zu wenig Naturschnee liegt. Dazu kommt: Der Einsatz der Mannschaften, um schon Ende Oktober in Form zu sein, ist enorm. Die Teams müssen in Übersee trainieren, müssen auf die Gletscher fahren. Das ist extrem kostspielig, um diese Lehrgänge auch umzusetzen. Das bedeutet, dass es sich nur noch die gut situierten Verbände leisten können– die Österreicher und die Schweizer. Die anderen Verbände tun sich richtig schwer. Deshalb ist es für mich auch ein Thema des Fairnessgedanken, der Chancengleichheit. Und noch etwas: Wenn die Topathleten schon Mitte Juli zu trainieren beginnen, dann machen es die Kinder nach. Wieso jedoch soll ein zehnjähriges Kind im Juli oder August am Gletscher Stangen fahren. Das macht für mich absolut keinen Sinn. Kinder sollen Kind sein können. Die sollen zu der Zeit in den See hüpfen, im Wald spielen, Fußball spielen oder sonst was machen, aber doch nicht auf 3500 m auf einem Gletscher rumfahren. Eine Kalenderanpassung, sprich den Auftakt nach hinten verschieben, wäre also ein absoluter Mehrwert. Nicht nur für den Weltcup, sondern auch für den Nachwuchs. Auch das Verletzungsrisiko wäre geringer. Denn das Training auf dem Gletscher hat Einfluss auf den Körper. Aus ökologischer Sicht ist der Start zu früh, doch es gibt eben auch diesen Kosten- und Gesundheitsaspekt.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.
Zumal das Skitraining im Sommer für die Athleten und Athletinnen ja zur Normalität geworden ist?
Sie müssen es auch machen. Wenn ich im Juli oder August nicht auf dem Gletscher gefahren wäre, dann wäre ich in Sölden oder während der Saison nicht gut gefahren. Und dann sagt keiner: Der ist entschuldigt, denn er ja nicht den Aufwand betrieben
Die FIS möchte den internationalen Skiverband nach den Worten des Präsidenten zum „erfolgreichsten Sportverband der Welt“ machen, auch in Bezug auf Vermarktung. Eine Expansion nach Asien ist angedacht, selbst Saudi Arabien wurde genannt.
Die Frage ist doch: Wie viele Menschen verlierst du für den Skisport, in dem du Dinge umsetzt, die nicht mehr zeitgemäß sind? Mein Ansatz ist, die Menschen wieder mehr für den Skisport zu gewinnen. Das jedoch schaffst du nicht, in dem dir die positiven Aspekte dafür ausgehen. Der Skisport wird überall kritisiert: für die energiekostentechnisch, Aufwand, Natur – da fehlen dir irgendwann die Gegenargumente. Dabei könnte der Skisport eine Vorbildfunktion übernehmen. Indem der Kalender angepasst wird, indem die vielen Reisen eingeschränkt werden, indem die Menschen sehen, dass man sich Gedanken macht. Um die Breite an Skifahrern wieder zu erreichen und nicht nur die gut situierten, die sich den Skisport auch in Zukunft leisten können. Eine solche Entwicklung ist meines Erachtens sehr gefährlich. Wir müssen uns vom Gedanken verabschieden, dass der Skisport noch wie vor 40, 50 Jahren funktioniert. Es ist eine andere Zeit. Die Menschen werden weiter Skifahren, es wird Schnee geben. Nur die Frage ist: Wann schneit es? Vieles, etwa den Skiurlaub an Weihnachten schon im Sommer zu fixieren, ist nicht mehr so einfach planbar, weil einfach niemand den Schnee garantieren kann. Also braucht es Alternativen und ein Umdenken in der Tourismusbranche. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Skifahren in den Alpen ein Stück Kulturgut ist. Deshalb braucht es sehr kreative Köpfe und einfach fortschrittliches Denken. In manchen Skiorten passiert diesbezüglich schon viel Positives.

Welche Ansätze haben Sie hierfür?
Man muss versuchen den Tourismus so weit zu steuern, dass die Hauptreisezeit nicht nur in den Weihnachtsferien liegt. Heißt, die Menschen so zu emotionalisieren, noch Ende März Spaß am Skifahren zu haben. Zumal sich die Winter nach hinten verschieben.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.
Sie engagieren stark für Natur und Nachhaltigkeit. Was sind ihre Beweggründe hierfür?
Wir müssen dazu schauen, dass die nächste Generation die Berge auch noch so genießen kann wie wir es getan haben. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, die Menschen insofern zu emotionalisieren, dass die Berge und die Natur etwas mit einem machen. Aber nicht, dass man die Berge versucht zu missbrauchen, ein Selfie macht und den Müll hinterlässt, am besten bei einem Tagestrip, sondern dass man die Berge viel bewusster wahrnimmt. Ich bin mir sicher, dass Kinder, die in der Natur aufgewachsen sind, das Leben anders erleben wie solche, die in der Stadt leben. Und wenn man selbst drei kleine Kinder hat, dann weiß man, worum man kämpfen muss.
Apropos Kinder. Ihr erstes Kinderbuch ist vor sieben Jahren erschienen. Was war die Idee dahinter?
Eine Gutenachtgeschichte bewegt sehr viel bei Kindern. Die Möglichkeit, ihnen mit einer Geschichte Werte zu vermitteln, ist es doch etwas Wunderbares. So ist der Gedanke entstanden, Kinderbücher zu schreiben.

Wie oft sieht man Felix Neureuther heute noch auf Ski?
Tatsächlich nur mit den Kindern.
Zurück zum Ski-Weltcup. Wer sind ihre Favoriten?
Es werden dieselben Namen sein. Da ist ein Marco Odermatt, der sofern er fit bleibt den Gesamtweltcup gewinnen wird. Aleksander Aamodt Kilde wird etwas dagegen haben. Bei Marco Schwarz bin ich sehr gespannt, wie er sich entwickelt. Jetzt, da er alle vier Disziplinen fährt. Auf jeden Fall ein spannendes Projekt. Im Slalom werden es Lucas Braathen und Henrik Kristoffersen sein, Letzterer auch im Riesentorlauf. Und bei den Frauen? Shiffrin, Shiffrin, Shiffrin . . . Sofia Goggia in den schnellen Disziplinen, wenn sie fit bleibt.

Als Fußballfan, haben Sie sich über die Qualifikation von Österreich für die EM in ihrer Heimat gefreut?
Sehr sogar. Das Verhältnis zwischen Österreich und Deutschland ist ja ein sehr spezielles. Eine Europameisterschaft ohne Österreich wäre traurig.