Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Der postfaktische Held

Spezial / 09.11.2016 • 22:52 Uhr

An Tagen wie diesen kann man nicht zur Tagesordnung übergehen. Denn wir werden den stärksten republikanischen US-Präsidenten seit 1928 erleben. Ein Präsident, der alle Kammern hinter sich weiß – und der völlig unkalkulierbar ist. Ist er so gescheit, sich beraten zu lassen? Folgt er seinem Bauchgefühl? Zettelt er Kriege an?

Angela Merkel muss grundsätzlich beginnen. Sie erinnert ihn an die Grundwerte der Demokratie. Nie ein gutes Zeichen bei einem angehenden US-Präsidenten.

Das Versprechen, den Wählern jenes Land zurückzugeben, das es nie gab, ist verführerisch. So verführerisch, dass Donald Trump – ein Frauenverachter, Rassist und Klimawandelleugner – zum nächsten US-Präsidenten gewählt wurde. Diese „Früher war alles besser“-Mentalität, diese Sehnsucht nach dem alten, weißen Amerika ist so groß, dass Versprechen genügen, um die Massen hinter sich zu einen. Behaupten, was beliebt: Fakten waren gestern, Gefühle sind heute!

Brexit, US-Wahl: Die Clowns sind auf dem Siegeszug. Mit Donald Trump hat das postfaktische Zeitalter seinen großen Helden.

Die Grätsche zwischen der tatsächlichen und gefühlten Öffentlichkeit mag weit wie nie auseinanderklaffen. Aber dass sich ein Multimillionär vom Nicht-Format eines Donald Trump als Retter der vergessenen Mittel- und Unterschicht glaubhaft positionieren kann, schlägt ein neues Kapitel auf. Die Methode Brexit ist die Methode Trump. Irgendwas behaupten. Der irakische Informationsminister wurde im Golfkrieg einigermaßen berühmt damit – damals gab’s aber kein Facebook (und er vertrat eine Diktatur). Die dieser Kommunikation zugrundeliegenden Methoden ähneln der Methode AfD, der Methode FPÖ und damit auch der Methode Hofer. Strache lobt Trumps Zusammenarbeitsabsichten mit Putin und bewundert den Kampf gegen verfilztes Establishment. Und Hofer? Mir hallen die Worte des netten Bundespräsidentschaftsstichwahlwiederholungskandidaten aus dem Burgenland nach: „Sie werden sich noch wundern, was geht.“

Europa könnte jetzt die global dringend benötigte Stimme der Vernunft sein. Grund dazu haben wir genug: Putin, Brexit, Erdogan – und jetzt Trump. Heute sind 28 Stimmchen unterschiedlicher Lautstärke, unterschiedlicher Tonalität zu hören.

„Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart bemühte zuletzt mit Blick auf Trump den Wiener Zyniker Karl Kraus: „Ein ganzer Kerl ist einer, der die Lumpereien nie begehen wird, die man ihm zutraut.“ Das Problem an Trump ist allerdings, dass er schon jetzt mehr Lumpereien begangen hat, als man ihm je zugetraut hätte.

Europa könnte jetzt die global dringend benötigte Stimme der Vernunft sein.

gerold.riedmann@vorarlbergernachrichten.at, Twitter: @geroldriedmann, Tel. 05572/501-320

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.