“Ich empfinde Freiheit immer wieder aufs Neue”

Spezial / 22.08.2016 • 19:25 Uhr
Natascha Kampusch betrachtet sich als fröhlichen Menschen. Das irrititert manche Zeitgenossen, wie sie im VN-Interview erzählt.
Natascha Kampusch betrachtet sich als fröhlichen Menschen. Das irrititert manche Zeitgenossen, wie sie im VN-Interview erzählt.

Natascha Kampusch über Freiheit und ihre Erfahrungen in den vergangenen zehn Jahren.

Wien. Am heutigen Dienstag jährt sich zum zehnten Mal die Flucht von Natascha Kampusch aus dem Verlies ihres Entführers Wolfgang Priklopil. Der Täter beging Selbstmord, die damals 18-Jährige fand fortan zurück in ein geregeltes Leben. Die VN haben mit ihr gesprochen.

Frau Kampusch, wie frei fühlen Sie sich heute?

Kampusch: Naja, so frei wie sich jeder normale Mensch eben fühlen kann, plus ein bisschen befangen durch meine Bekanntheit. Es ist so, dass ich Freiheit immer wieder aufs Neue empfinde. Man kann sich auch in den beklemmendsten Situationen frei fühlen, wenn man den Moment so empfinden kann.

Heute sind Sie unter anderem Buchautorin. Würden Sie Ihr Leben als normal bezeichnen?

Kampusch: Es ist für mich normal, weil es für mich schon zur Gewohnheit geworden ist. Es ist allerdings kein alltägliches Leben und kann es wohl auch nicht werden. Ich hätte auch feststellen können, dass es für mich das Richtige ist, einen Lehrberuf zu ergreifen und dann in einer Reihenhaussiedlung zu leben, aber das wollte ich nie. Ich könnte mich damit nicht identifizieren, deshalb habe ich es auch nicht angestrebt.

Das Haus, in dem sie achteinhalb Jahre gefangen gehalten wurden, gehört mittlerweile Ihnen. Was bedeutet Ihnen dieses Haus?

Kampusch: Dadurch, dass der Täter tot ist und zehn Jahre vergangen sind, ist es einfach nur noch eine Immobilie. Aber für mich kann es manchmal zur Belastung werden. Ich halte mich nur so kurz wie möglich dort auf, etwa einmal im Monat, um irgendetwas zu erledigen.

Sie haben sich nach außen hin nicht in eine reine Opferrolle gefügt. Das rief auch negative Reaktionen hervor.

Kampusch: Ich hadere oft damit, dass man mich so klein wie möglich sehen möchte. Fast wie eine Alkoholikerin, zerstört, zerbrochen durch das, was sie erlebt hat. Bei der Buchpräsentation vergangene Woche kam eine Frau auf mich zu, die sagte, sie verstehe nicht, wie ich es schaffe, so fröhlich zu sein. Aber so bin ich nun mal, und ich kann mich nicht wandeln, nur weil mir diese schrecklichen Dinge widerfahren sind, einfach damit das nach außen hin besser passt. Ich möchte mich immer mehr davon emanzipieren, um die Dinge machen zu können, zu denen ich mich eben berufen fühle.

Wozu fühlen Sie sich denn berufen?

Kampusch: Mir ist es wichtig, Gutes für die Menschheit zu tun, aber gleichzeitig auch mich selbst zu entdecken, zu erforschen, an mir zu arbeiten, Ausbildungen zu machen.

Es gab allerlei Theorien rund um mögliche Mittäter Ihrer Entführung, selbst Ihre Mutter wurde verdächtigt. Wie gehen Sie damit um?

Kampusch: Das alles war für mich sehr schwer zu verstehen. Ich dachte schließlich, ich befände mich jetzt in Sicherheit und dass jetzt alles gut werden würde, so wie im Märchen. Dann habe ich festgestellt, dass es Menschen gibt, die mir Böses wollen, die mich misstrauisch beäugen, die mich beschimpfen und meine Familie verunglimpfen. Eine Zeit lang war ich oft depressiv und bin gar nicht mehr aus dem Haus gegangen. Ab und zu hat mich auch einfach die kalte Wut gepackt. Es war nicht leicht in den vergangenen zehn Jahren, immer wieder mit diesen Vorwürfen und Unterstellungen klarzukommen.

Ist Ihr neues Buch “10 Jahre Freiheit” eine Abrechnung mit all diesen negativen Einflüssen?

Kampusch: Eigentlich nicht, weil ich nicht so begeistert bin von Abrechnungen, aber ich glaube, man kann Lehren daraus ziehen. Ich denke, das wird vor allem die Leser freuen, die auch schon das erste Buch gelesen haben, und die Leute, die mich schon immer unterstützt haben.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Kampusch: Hoffentlich gesund und munter, zufrieden und erfolgreich.

Ich halte mich nur so kurz wie möglich in dem Haus auf, etwa einmal im Monat, um etwas zur erledigen.

Natascha Kampusch