“Das Wasser ragte teils höher als die Autos”

Spezial / 28.08.2015 • 21:04 Uhr
"Das Wasser ragte teils höher als die Autos"

Yurdukal Akpolat aus Hard verließ New Orleans rechtzeitig. Nur zweimal kam er wieder.

New Orleans. (VN-pes) Es war am Samstagvormittag, 27. August 2005, als der Wirtschaftsstudent Yurdukal Akpolat von seinem Mitbewohner in ihrer Wohnung in New Orleans geweckt wurde. Die Behörden hatten die Evakuierung der Stadt angeordnet, Hurrikan Katrina war im Anmarsch.

Gerade zwei Wochen lebte der damals 25-jährige Harder in New Orleans, um ein Jahr lang dort zu studieren. Akpolat hatte sich erst eingerichtet und sich auf das Semester vorbereitet, von der Stadt noch nicht viel gesehen. „Zu Naturgewalten hatte ich gar keinen Bezug“, erzählt er. Aber die Gefahr unterschätzten viele, „kaum einer wusste, was da kommt“.

Dennoch nahm er sich mit zwei österreichischen Studienkollegen einen Mietwagen. Dann ging es ab Richtung Westen, weg vom Hurrikan. Die Stimmung war keineswegs panisch, sondern eher auf Abenteuer eingestellt. „Wir machten eine Art Road­trip daraus“, berichtet der heutige Betreiber eines Modelabels. In wenigen Tagen sollte der Spuk sowieso vorbei sein, hieß es damals. Also nahmen sie nur das Nötigste mit.

Großer Andrang in Houston

Das Trio fuhr die Nacht durch und erreichte Houston am Sonntagnachmittag. Sie waren nicht die Einzigen, die aus New Orleans anreisten. „Schon auf der Straße war Stau, ein leistbares Hotelzimmer war nicht zu bekommen“, sagt er. Also begnügten sich die drei vorerst mit einem Stundenhotel.

Am Montag dann traf Katrina die Stadt, die Dämme brachen und New Orleans versank. Die Studenten verfolgten die Berichterstattung in den Medien und waren fassungslos. „Ich habe mich gefragt, wie das im einflussreichsten Land der Welt passieren kann“, erinnert sich Akpolat.

Die drei kontaktierten die Uni in New Orleans, doch ihre Ansprechpartnerin beantwortete die E-Mail erst Tage später. „Sie konnte uns nichts sagen, sie hatte selbst ihr ganzes Hab und Gut verloren.“ Akpolat und sein Mitbewohner hatten das Meiste in ihrer Wohnung im ersten Stock zurückgelassen, in die sie nicht zurück konnten. „Viele haben uns finanziell unterstützt, das Land Vorarlberg, die SoWi Innsbruck, die Versicherung.“

Als klar war, dass die Uni mindestens ein Semester lang geschlossen bleiben würde, stellte sich die Frage: wo studieren? Über die Hochschule in Austin, Texas wurden sie nach Miami, Florida vermittelt, wo sie viel Hilfsbereitschaft erfuhren. „Die Professoren fragten uns, ob wir Nachhilfe bräuchten. Oder Handtücher“, erinnert er sich.

Erst im November kehrten sie nach New Orleans zurück. Sie fuhren vorsichtig durch die von Wasser bedeckten Straßen, doch andere Stadtteile hatte es schlimmer getroffen. „Das Wasser ragte teils höher als die Autos“, beschreibt er den Anblick. In ihrem Wohnhaus war das Wasser ins Erdgeschoß eingedrungen, die Feuchtigkeit hatte die Kleidung in ihrer Wohnung darüber vermodern lassen. 

„Jetzt erst recht“

Noch ein letztes Mal kehrte er zurück nach New Orleans, nämlich im Februar 2006 zum berühmten Mardi Gras. Gefeiert wurde trotz der Naturkatastrophe. „Man hat gemerkt, dass die Leute sich dachten, ,jetzt erst recht‘.“ Aber der Blick über den Tellerrand der Festivitäten zeigte, dass der Wiederaufbau der Stadt noch lange dauern würde: „Das French Quarter war wieder hergerichtet. Aber außenherum sah es noch genauso aus wie im November“, sagt Akpolat. „Es hatte sich gar nichts getan.“

Wie konnte das im einflussreichsten Land der Welt passieren?

Yurdukal Akpolat