„Nein, ich musste Gott sei Dank niemanden erschießen“

Spezial / 29.04.2015 • 19:29 Uhr
Alt-Landeshauptmann Herbert Keßler im Interview: „Das politische Klima ist heute viel gehässiger als im Wahlkampf 1945.“  VN/Paulitsch
Alt-Landeshauptmann Herbert Keßler im Interview: „Das politische Klima ist heute viel gehässiger als im Wahlkampf 1945.“ VN/Paulitsch

Keßler über Lehren, die Vorarlberger aus den Jahren vor und nach 1945 ziehen sollten.

Wien. Herbert Keßler ist bekannt: als ÖVP-Mann der ersten Stunde, als Landeshauptmann, der 23 Jahre lang die Geschicke Vorarlbergs lenkte. Es gab aber auch eine Zeit vor der politischen Karriere. 1943 zog er in den Krieg, als 20-Jähriger kehrte er 1945 nach
Vorarlberg zurück. Es war
die „erste Befreiung“, wie
der Alt-Landeshauptmann schildert. 70 Jahre ist das mittlerweile her, dennoch kann sich der 90-Jährige detailliert an Begebenheiten, Emotionen und Begegnungen mit der Besatzungsmacht erinnern. Ein Gespräch über Schuld, Hungersnot und Demokratie.

Panzer in Rankweil. Ein unvorstellbares Bild. Sie haben es am 3. Mai 1945 erlebt, als französische Panzer in Ihrem Heimatort einfuhren. Können Sie sich noch erinnern?

Keßler: Ich hatte die Gelegenheit, das Kriegsende zu Hause zu erleben. Ich kann mich gut daran erinnern. Zum Glück ist dort eigentlich kaum etwas passiert. Für uns war es eine große Erleichterung, dass der furchtbare Weltkrieg zu Ende war.

Was fühlten Sie, als die Besatzungsmächte kamen?

Keßler: Dass es endlich vorbei ist. Und dass sicher eine bessere Zeit kommt. Das hat sich auch bewahrheitet.

Wie haben Sie die Zeit mit den Besatzungssoldaten erlebt?

Keßler: Am Anfang war das Verhältnis frostig, aber das war verständlich, so unmittelbar nach dem Krieg. Aber es war kein kriegerisches Verhältnis mehr. Wir hatten in Vorarlberg Glück. Die französische Besatzung war wohl die angenehmste.

Die Franzosen waren aber allgegenwärtig?

Keßler: Die Besatzungsmacht hat ausschließlich bestimmt und regiert.

Sie sind also auch patrouilliert?

Keßler: Freilich. Vor allem in der Nacht gab es strenge Kontrollen, Ausweispflicht. Das waren strenge Sitten. Die Franzosen haben sehr darauf geachtet, dass sich die Bevölkerung diszipliniert verhält.

Wie erlebten Sie diese Zeit als junger Mann auf dem Sprung zum Erwachsensein?

Keßler: Ich wurde 1943 unmittelbar nach meiner Matura von der Wehrmacht zwangsverpflichtet. Ich war zwei Jahre als Gebirgsjäger im Zweiten Weltkrieg, hatte aber das Glück, dass ich nicht in Kriegsgefangenschaft geraten bin, nicht verwundet wurde und direkt heimkommen konnte. Da war ich 20 Jahre alt. Wir sind als junge Soldaten reifer geworden. Es war eine harte Zeit und ein täglicher Kampf ums Überleben.

Mussten Sie auch jemanden erschießen?

Keßler: Gott sei Dank nicht.

Sie sagten in den 1950er-Jahren: „Die wohl ausgeprägteste Eigenart eines Alemannen ist das demokratische Empfinden.“ Wie lange dauerte es, bis dieses wieder da war?

Keßler: Vorarlberg wurde rasch wieder eine Demokratie. Die Bevölkerung hat nach der furchtbaren Diktatur darauf gewartet.

Im November 1945 wurde zum ersten Mal gewählt.

Keßler: Das waren die Schicksalswahlen. Damals haben hauptsächlich Frauen gewählt, die Männer waren zum guten Teil noch in Kriegsgefangenschaft. Viele waren gefallen, viele verwundet, viele konnten aus welchen Gründen auch immer nicht wählen.

Damals hat es die Wahlpflicht gegeben, richtig?

Keßler: Ja. Ich habe nie ganz verstanden, wieso sie abgeschafft wurde. Wer nicht wählt, kann nicht entscheiden. Und wer nicht entscheiden kann, kann kein Demokrat sein. Die vielen Bürger, die zu bequem sind, zu wählen, obwohl sie es könnten, hätten die Wahlpflicht notwendig.

Schmerzt es Sie, dass heute viele nicht mehr wählen gehen?

Keßler: Wahlen sind heute zu selbstverständlich.

Hat sich der Wahlkampf damals von heutigen Wahlkämpfen unterschieden?

Keßler: Der Wahlkampf war hart und auf Konfrontation ausgerichtet, aber nicht gehässig. Ich habe den Eindruck, dass das politische Klima viel gehässiger und persönlicher geworden ist. Nach dem Krieg sehnten wir uns nach Frieden und nach einem ruhigen Wiederaufbau. Deshalb ist parteipolitisches Geplänkel in den Hintergrund gerückt.

Was waren die Hauptthemen?

Keßler: Ernährung und der Wiederaufbau. Außerdem musste die Wirtschaft wieder in Gang gebracht werden.

Wurde Nahrung nach dem Krieg noch rationiert?

Keßler: Die Ausgabe der Essenskarten hat sich nach dem Krieg fortgesetzt. Es war notwendig zu rationieren. Die Ernährung wäre sonst nicht gesichert gewesen.

Musste die Bevölkerung hungern?

Keßler: Ja, vor allem die nicht-bäuerliche Bevölkerung.

Wie lange hat der Wiederaufbau in Vorarlberg gedauert?

Keßler: Die Jahre 1945, 46, 47 noch herauf bis zum Staatsvertrag waren harte Jahre, in denen es nötig war, alle Kräfte beisammenzuhalten. Aber wir hatten das Glück, dass die Vorarlberger sehr einträchtig zusammengearbeitet haben, vor allem in der Wirtschaft.

Fühlen Sie sich als Teil dieser Wiederaufbaugeneration zu wenig geschätzt?

Keßler: Das würde ich nicht sagen. Manchmal vermisse ich, dass Zeitzeugen gefragt werden, wie sie den Nationalsozialismus erlebt haben. Wir wären in der Lage zu erzählen, wie schwierig es war, und wie sehr wir darauf achten müssen, dass sich der Nationalsozialismus, oder eine Diktatur in der Form, nie wiederholt. Es war eine furchtbare Zeit. Wir werden aber kaum gefragt.

Hatte der Opfermythos deshalb so lange Bestand?

Keßler: Manches wurde verdrängt. Vor allem der Teil der Bevölkerung, der sich Dinge zuschulden kommen ließ, versuchte, möglichst wenig darüber zu reden. Es gab mehr das Bestreben, schnell wieder zu normalen Verhältnissen zu kommen, statt über die Schuld zu sprechen.

Schweigen half also, den Wiederaufbau zu beschleunigen?

Keßler: Ja. Es hat geholfen, dass sich die Leute nicht gegenseitig beschuldigt haben.

Fühlten Sie sich auch schuldig?

Keßler: Nein, weil ich nie NS-Parteimitglied war, mein Vater übrigens auch nicht. Ich selbst war kein Nationalsozialist, bin mit 18 Jahren eingerückt, zwangsverpflichtet, nicht freiwillig. Ich war nie Nationalsozialist, konnte und wollte es nie sein.

Wann kehrte der Alltag ein?

Keßler: Zur Zeit des Staatsvertrags. Mit dem 15. Mai 1955 hat für Österreich eine glückliche, neue Zeit begonnen. Der Staat wurde wieder voll in Gang gesetzt, die demokratischen Einrichtungen haben wieder funktioniert, die Besatzungsmächte haben erklärt, dass sie Österreich binnen 90 Tagen verlassen. Es war ein Glückstag für Österreich und für Europa.

Waren Sie 1955 in Wien?

Keßler: Nein, ich war schon beim Land tätig und war damals in meinem Büro in Bregenz.

Wie haben Sie den Tag erlebt? Spürten Sie auch in Vorarlberg die Euphorie, die wir von den Bildern aus Wien kennen?

Keßler: Die Euphorie war groß. Die Bevölkerung wusste, dass es ein großer Tag für uns ist. Es wurde gejubelt.

Welches Jahr empfanden Sie persönlich als das echte Befreiungsjahr?

Keßler: Die erste richtige Befreiung war der April 1945 mit dem Ende des Krieges, und die andere war der Staatsvertrag mit der endgültigen Freiheit und dem freien Staat. Wir waren wieder ein selbst entscheidendes Volk.

Zur Person

Dr. Herbert Kessler

Vorarlberger Landeshauptmann (LH) von 1964 bis 1987 (ÖVP)

Geboren: 2. Februar 1925, Bludesch

Ausbildung: Matura am Gymnasium Feldkirch, Jus-Studium in Innsbruck

Politischer Werdegang: 1954 Landtagsabgeordneter, 1957 Bürgermeister von Rankweil, 1964 LH