Verantwortung, der man nicht entgehen kann

Spezial / 28.04.2015 • 18:57 Uhr
Verantwortung, der man nicht entgehen kann

Erst Jubel, dann Tod, Leid und Verdrängung. Die Aufarbeitung des Kriegs begann spät.

schwarzach. Es ist der 29. April 1945. Berlin ist unter Beschuss, Adolf Hitler verfasst im Bunker der Reichskanzlei sein politisches Testament, bevor er sich tags darauf umbringen wird, in Wien tritt unter Staatskanzler Karl Renner die provisorische Regierung zusammen, die schon zwei Tage zuvor Österreichs Unabhängigkeit proklamiert hatte. Die restlose Niederlage der Deutschen Wehrmacht ist nur noch eine Frage von Tagen, doch schicken letzte Durchhalteparolen und Mobilisierungen in den von der Wehrmacht noch gehaltenen Gebieten Tausende Menschen weiterhin in den Tod, auch in Vorarlberg.

Die Bilanz des Krieges bis zu diesem Tag: neben unzähligen Verletzten und Verwundeten rund 50 Millionen Tote. Hunderttausende sollten noch bis zur Kapitulation Japans und damit bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs am 2. September und auch danach an den Folgen sterben. Aus und in Vorarlberg werden 8000 Soldaten an den Fronten und Hunderte Zivilisten getötet, mehr als 400 Menschen werden in Konzentrationslagern, Euthanasieanstalten und anderen vom NS-Regime und seinen willfährigen Handlangern industriell organisierten Vernichtungsstätten ermordet.

Die Erleichterung an jenem 29. April 1945, als die französische Armee bei Hohenweiler in Vorarlberg einmarschiert, ist groß. Nach all dem Schmerz und Leid seit dem 1. September 1939, als die Deutsche Wehrmacht Polen angegriffen und damit den Krieg begonnen hatte, ist die Hoffnung auf ein Kriegsende berechtigt. Verstummt ist der Jubel, den die Vorarlberger wie die restliche Bevölkerung Österreichs dem Führer Adolf Hitler noch vor sieben Jahren entgegengebracht hatten.

Einmarsch unter Glockengeläut

Am 12. März 1938 marschierten deutsche Truppen unter tosendem Applaus der Bevölkerung in Österreich ein, unter frohlockendem Glockengeläut überschritt Hitler die Grenze. Die Regierung unter dem Nationalsozialisten Arthur Seyß-Inquart beschloss am 13. März das Aufgehen Österreichs im Deutschen Reich. Am 15. März bezeichnete Hitler auf dem Heldenplatz in Wien unter dem Jubel Zehntausender Menschen Österreich als „älteste Ostmark des Deutschen Volkes“. In einer Volksabstimmung ließ sich Hitler am 10. April diesen Zuspruch bestätigen, 99,73 Prozent befürworteten den Anschluss, im Vorfeld warben viele Prominente und Meinungsbildner für den Führer, unter ihnen der Wiener Kardinal Theodor Innitzer, der ehemalige Staatskanzler Karl Renner, der frühere Bundespräsident Michael Hainisch sowie Künstler wie Paula Wessely und Paul Hörbiger.

Doch jetzt, am 29. April 1945, sieht sich Vorarlberg mit ganz Österreich als erstes „Opfer“ Hitler-Deutschlands, ein Mythos, der zwei Tage zuvor mit der Unabhängigkeitserklärung seinen Anfang nahm. In dieser wird der Anschluss als militärisch aufgezwungen, daher als völkerrechtswidrige Annexion bezeichnet. Autor der Erklärung: jener Karl Renner, der noch 1938 für den Anschluss geworben hatte. Was in der Erklärung zu kurz kam und noch viele Jahrezehnte lang aus dem kollektiven Geschichtsbild und Gedächtnis ausgeblendet bleiben sollte, war bereits in der Moskauer Deklaration beschrieben, in der es sich die Alliierten 1943 zum Ziel gesetzt hatten, den Staat Österreich zu befreien und in seiner früheren Form wieder herzustellen. Darin heißt es: „Jedoch wird Österreich darauf aufmerksam gemacht, dass es für die Beteiligung am Kriege auf Seiten Hitlerdeutschlands Verantwortung trägt, der es nicht entgehen kann.“

Doch Schuld und Verantwortung spielten zunächst keine Rolle. Ein Umdenken begann 1986 mit der Affäre um Kurt Waldheim: Dem früheren UN-Generalsekretär wurde vorgeworfen, an Kriegsverbrechen der Nazis beteiligt gewesen zu sein; was zwar nicht stimmte, jedoch hatte er davon gewusst. Erstmals wurde eine gesellschaftliche Debatte über die Rolle Österreichs in der NS-Zeit begonnnen. Als Konsequenz bekannte sich Kanzler Franz Vranitzky 1991 zur Mitverantwortung des Landes. Zeithistorische Forschungen wurden neu ausgerichtet, Geschichtsbücher auch für Schulen neu geschrieben.

Druck und Überzeugung

„Faktum ist, dass Hitler enormen politischen und militärischen Druck auf Österreich ausgeübt hat. Faktum ist aber auch, dass der Einmarsch von einer erschreckend großen Mehrheit der Österreicher frenetisch bejubelt wurde“, stellt Bundespräsident Heinz Fischer anlässlich des Gedenkjahres im VN-Gespräch fest. Um das zweite Faktum zu überspielen, „wurde viel zu lange die Opferrolle in den Vordergrund gestellt, das war bequemer“, erklärt er.

Viel zu lange wurde die Opferrolle in den Vordergrund gestellt, das war bequemer.

Bundespräsident Heinz Fischer
Verantwortung, der man nicht entgehen kann
Ein gestelltes Propagandabild der Wehrmacht: Der Grenzbalken zwischen Deutschland und Polen wird abmontiert. Am 1. September 1939 überfällt Hitler das Nachbarland, beginnt der Führer den Zweiten Weltkrieg.
Ein gestelltes Propagandabild der Wehrmacht: Der Grenzbalken zwischen Deutschland und Polen wird abmontiert. Am 1. September 1939 überfällt Hitler das Nachbarland, beginnt der Führer den Zweiten Weltkrieg.