„Dann werde ich die ganze Sippe ausrotten“

Spezial / 28.04.2015 • 18:57 Uhr
Französische Panzer beziehen am 3. Mai Stellung in Rankweil.
Französische Panzer beziehen am 3. Mai Stellung in Rankweil.

Heute vor 70 Jahren, am 29. April 1945, begann die Befreiung Vorarlbergs.

Dornbirn. (gt) Vor 70 Jahren ging der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende. Bis zuletzt wird in Vorarlberg gekämpft, kommt es zu Blutvergießen und Zerstörung.

Sieben Jahre nach dem „Anschluss“ Österreichs an Deutschland im März 1938 liegt Hitlers „Tausendjähriges Reich“ in Trümmern. An allen Fronten ist die Wehrmacht auf dem Rückzug. Die Befreiung vom Nazi-Terror durch alliierte Truppen rückt näher, auch in Vorarlberg.

Im Frühjahr 1945 schwenkt die 1. französische Armee von Stuttgart aus nach Süden, um über Vorarlberg nach Tirol vorzustoßen. Als Franzosen und Marokkaner am 25. April am Bodensee eintreffen, hoffen sie noch auf eine friedliche Übergabe Vorarlbergs. Aber deutsche Truppen leisten Widerstand, obwohl ihr Führer Adolf Hitler am 30. April in seinem Bunker in der Reichskanzlei in Berlin Selbstmord verübt hat.

Feige Flucht über den Arlberg

Daraufhin, es ist Dienstag, der 1. Mai 1945, feuern die Franzosen zuerst mit Artillerie auf Bregenz; dann legen Jagdbomber mehr als 70 Häuser in Schutt und Asche. Noch am gleichen Tag marschieren die Befreier in Bregenz ein und rücken weiter über Doren nach Sulzberg sowie durch das Rheintal vor. „Ich werde auf den Trümmern von Bregenz Deutschland verteidigen“, prahlt Ende April der Bregenzer Bürgermeister Carl Solhardt, ehe er sich wie viele andere hohe NS-Parteigenossen über den Arlberg aus dem Staub macht.

In der Nacht auf Mittwoch, 2. Mai, befreien die Franzosen Lauterach, Kennelbach, Wolfurt und Hard. Im Kleinwalsertal werden die Franzosen begeistert empfangen. Zuvor hatten Widerstandskämpfer die NS-Vasallen entmachtet. Am 2. Mai rollen französische Panzer auch durch Lustenau und Dornbirn. Wehrmacht und SS-Verbände ziehen sich kämpfend zurück. Der Dornbirner Kreisleiter Reiter und sein Hitlerjugend-Führer schleppen Kinder und Jugendliche an die Front: Mit Panzerfäusten sollen die Buben den alliierten Vormarsch stoppen. Die Gefechte fordern zahlreiche Todesopfer. Dabei ist der deutsche Widerstand gering, obwohl Kreisleiter Reiter seinen Volkssturmleuten in einer Rede am 20. April auf der Dornbirner Birkenwiese gedroht hatte: „Falls einer schwach werden und umfallen sollte, dann garantiere ich, dass ich die ganze Sippe ausrotten werde!“

Zu heftigen und blutigen Gefechten kommt es jedoch in der Kummenbergregion, bei Hohenems und Götzis. Dort residieren ein preussischer Major namens Schlieter und Bürgermeister Lindemann, der nach eigenen Worten Götzis ein Denkmal setzen will: „Man wird noch zu spüren bekommen, dass Götzis einen Lindemann zum Bürgermeister hatte“, sagte er. Um die eigenen Verluste möglichst gering zu halten, nehmen die Franzosen Götzis unter Artilleriebeschuss. Elf Häuser werden zerstört, 200 weitere beschädigt. Mehrere Zivilisten sterben. Dann stoßen die Alliierten weiter nach Koblach, über den Schwarzen See nach Satteins sowie in Richtung Rankweil und Feldkirch vor. Die von der Einkesselung bedrohten deutschen Truppen setzen sich Hals über Kopf ab. Feldkirch bleibt deshalb das Bregenzer und Götzner Schicksal erspart.

Am Freitag, 4. Mai, steht die französische Armee vor Bludenz. Die Stadt wird nicht verteidigt. Dafür beziehen der deutsche General Schmidt und ihm ergebene Wehrmachts- und SS-Verbände, ingesamt mehrere Hundert Soldaten, beim Eingang ins Klostertal, bei Bings, Stellung. Erneut werden die deutschen Einheiten mit Artillerie und Granaten aus ihren Befestigungen vertrieben. Viele flüchten in Wälder und Berge. SS-Leute versuchen, den französischen Vormarsch mit Maschinengewehrsalven zu stoppen, aber unaufhaltsam dringen die Befreier vor. In Brand wird der ehemalige deutsche Außenminister Konstantin von Neurath festgenommen. Er wollte sich dort in seinem Landhaus verschanzen. Neuraths Chauffeur tötet daraufhin seine Frau, seine zwei Kinder, seine Mutter und eine Rotkreuzschwester, ehe er sich selbst richtet.

Am Samstag, 5. Mai, fallen Dalaas und Warth. Der restliche Bregenzerwald wird besetzt. Im Montafon gelingt es Widerstandskämpfern, die Sprengung der Stauseen und damit eine weitere Katastrophe zu verhindern. Am Sonntag, 6. Mai, erreichen Franzosen und Marokkaner Lech, Stuben und Langen am Arlberg.

Der Krieg ist endlich auch in Vorarlberg vorbei. Tags darauf erklärt das Oberkommando der deutschen Wehrmacht die bedingungslose Kapitulation. Am 8. Mai sollten die Waffen in Europa schweigen. Eine neue Zeit, eine bis heute andauernde Zeit der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur, ist angebrochen.

Die ersten französischen Panzer treffen am 2. Mai in Dornbirn ein.
Die ersten französischen Panzer treffen am 2. Mai in Dornbirn ein.
Durch französische Luftangriffe werden am 1. Mai in Bregenz mehr als 70 Häuser zerstört.
Durch französische Luftangriffe werden am 1. Mai in Bregenz mehr als 70 Häuser zerstört.
Ein deutscher Major kapituliert mit seiner Einheit in Lustenau.
Ein deutscher Major kapituliert mit seiner Einheit in Lustenau.

Fakten

Bilanz der NS-Herrschaft in Vorarlberg von 1938 bis 1945

» 8000 tote Soldaten an allen Kriegsschauplätzen

» 800 Opfer von Verfolgung (politisch, rassisch, religiös), davon 80 ermordet

» 300 Euthanasie-Opfer (Kranke, Behinderte)