Kommentar: Ausscheidungs-Autonomie
In der Frühkindpädagogik wurde die Erziehung des Kindes zur Körperhygiene, zur Gewöhnung an die Benutzung einer Toilette bisher als Sauberkeitserziehung bezeichnet. Seit neuestem allerdings sollte dieser Begriff in den Kindergärten des Landes nicht mehr verwendet werden. Der Grund dafür ist laut den zuständigen Stellen im Amt der Landesregierung, dass das Wort Erziehung sehr negativ besetzt sei. Deshalb dürfe ab jetzt nur noch von Ausscheidungs-Autonomie gesprochen werden. So jedenfalls wurde es den Verantwortlichen der Kindergärten bei einer Informationsveranstaltung aufgetragen.
Jetzt kann man sich natürlich über alles lustig machen, was sich im Laufe der Zeit an Begrifflichkeiten ändert. Aber angesichts der wirklich nicht kleinen Probleme im Bereich der Kinderbetreuung kommt solchen Aktionen ein besonderer Stellenwert zu. Es fehlt vorne und hinten an qualifiziertem Personal in den Kindergärten und es fehlt an finanziellen Mitteln, aber zumindest in der Aus- und Weiterbildung der Pädagoginnen sind wir offenbar auf dem sprachlich letzten Stand. Dass das bei so einigen Kindergärtnerinnen anders gesehen und die Begründung als geradezu absurd bezeichnet wird, ist irgendwie nachvollziehbar. War doch Erziehung eigentlich immer ein positiv besetzter Begriff. Erziehung ist ein zielgerichteter Einfluss von Erwachsenen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, um sie zu sozialverantwortlichen Menschen zu formen. Sie dient der Persönlichkeitsbildung und soll den Kindern die Eingliederung in die Gesellschaft erleichtern.
Was daran jetzt negativ besetzt sein soll, entzieht sich nicht nur meiner Kenntnis und lässt zumindest den leisen Verdacht aufkommen, dass die neue Begrifflichkeit einer Haltung entstammt, die sich sehr sensibel jeder Art von Leistungsanspruch und Anforderung entgegenstellt. Warum die politisch Verantwortlichen im Land für derartigen, vom Zeitgeist geprägten Unsinn offen sind, statt sich ernsthaft um die dringenden Probleme in der Kleinkindbetreuung zu kümmern, ist schwer nachvollziehbar. Weder den stark unter Druck stehenden Pädagogen noch den betreuten Kindern ist damit auch nur im Geringsten geholfen. Helfen würde deutlich mehr qualifiziertes Personal. Dass es in unseren Kindergärten Gruppen mit 20 Kindern ohne eine einzige ausgebildete Pädagogin gibt, zeugt von einer Aufbewahrungsmentalität die nichts mit Frühkinderziehung zu tun hat. Und das vor dem Hintergrund einer steigenden Zahl an Inklusionskindern und Kindern mit sehr schlechten Deutschkenntnissen. Kein Wunder, dass sowohl die Fluktuation als auch die Zahl der Langzeitkrankenstände beim Personal in den Kindergärten sehr hoch sind. Aber dafür haben wir jetzt Ausscheidungs-Autonomie Experten.
Rainer Keckeis ist ehemaliger AK-Direktor Vorarlberg und früherer Feldkircher VP-Stadtrat.
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