Miete statt Mathe
Österreich hat wieder einmal das Rad erfunden – aber eckig. Man nennt es Mieterschutz, es rumpelt, und man wundert sich dann über Funkenflug. Die Regierung bastelt an einer Regel, die bei Inflation über drei Prozent nur die „Hälfte des Drüber“ zulässt. Klingt sozial, ist aber eine Taschenrechnerparodie. Denn die Kosten eines gewerblichen Vermieters steigen nicht „halb“, sie steigen voll: Energie, Handwerker, Materialien, Zinsen. Wer hier jubelt, verwechselt Marketing mit Mathematik.
Österreich reagiert auch bei den Mieten wie immer: Populistisch, abseits der ökonomischen Logik und im Ausnahmengeflecht.
Nehmen wir das Einmaleins, das in diesem Land offenbar zur Geheimsprache erklärt wurde. Ausgangslage: Nettorendite zwei, vielleicht drei Prozent – normal in einem gemanagten Bestand. Die Inflation bei sechs Prozent. Die Miete darf laut Politik nur um 4,5 steigen, die Kosten aber sechs, sieben, acht. Ergebnis: Die schmale Marge wird erst dünn, dann negativ. Das ist keine böse Vermieterpropaganda, das ist eine Subtraktion. Wer bei minus ein Prozent operiert, der vermietet nicht, der kollabiert.
Österreich reagiert auch bei den Mieten wie immer: Populistisch, abseits der ökonomischen Logik und im Ausnahmengeflecht: Dachausbauten hier, Denkmalschutz dort, eine Kappung für jene, die mehr Wohnungen haben – und dann auch noch Schonräume für jene, die „nur“ vier vermieten: Die sozial sinnvolle Reform – Befristungen einheitlich auf mindestens fünf Jahre, fertig – wird in letzter Minute weichgekocht, weil irgendjemand die ÖVP-Klientel retten will. In Wahrheit rettet man das Problem. Drei Jahre Befristung bedeuten: Dauerkoffer im Flur, Planungsunsicherheit bei Mietern, Fluktuationskosten bei Vermietern.
Noch ein Rechenspiel. Ein Bestand mit tausend Wohnungen, Durchschnittsmiete 800 Euro. Indexiert dürften es bei sechs Prozent Inflation 48 Euro mehr sein; erlaubt sind 36. Der Unterschied: zwölf Euro pro Einheit, 12.000 Euro im Monat weniger. Im Jahr 144.000. Gleichzeitig steigen Energie, Personal, Kreditzinsen. Eine mittlere Fassade kostet heute siebenstellig. Oder glaubt jemand, man könne ewig aus Rücklagen sanieren?
Der nächste Schritt ist lehrbuchhaft. Investitionen werden „auf später“ gelegt. „Später“ heißt: niemals. Jene, die heute bei den Mietbremsen klatschen, werden morgen Schimmelbilder posten und „Staat, hilf!“ rufen. Der Staat wird reagieren – mit Förderprogrammen, die mit dem gleichen Euro Ping-Pong spielen: erst, indem er ihn den Vermietern nimmt, dann, indem er ihn als Subvention zurückgibt. Effizient ist das nicht. Aber es ist österreichisch.
Und ja, ich habe hier kürzlich geschrieben, wie gering das Verständnis für Wirtschaft hierzulande ist – in der Politik, in den Redaktionen und beim Publikum. In Deutschland rechnet man, in den USA kalkuliert man. In Österreich moralisiert man – und addiert im Konjunktiv. Man hält die Rendite für unanständig, bis das Dach zu tropfen beginnt. Dann ruft man nach der Baupolizei. Das ist Ideologie auf Kosten der Statik..
Es gäbe einen einfachen, ehrlichen Weg: fünf Jahre Mindestbefristung, ohne Hintertüren. Wertsicherung weiter mit der Indexierung. (Die Einkommen wachsen ja auch mit der Inflation, die Steigerung bei der Neuvermietung hat andere Gründe.) Dazu schnellere Verfahren, weniger Normen, mehr Bauen. Stattdessen erfindet man die „halbe Inflation“ und erklärt sie zur Gerechtigkeit. Sie ist etwas anderes: eine Einladung zur Schrumpfwirtschaft.
Politik kann Preise nicht abschaffen. Sie kann nur Knappheit erzeugen. Wer die Mathematik beleidigt, bekommt Physik zur Antwort: die Schwerkraft des Rechnens. Und die zieht ein schmales Geschäftsmodell schneller nach unten, als man „Sozialromantik“ sagen kann.
Christian Rainer ist Journalist und Medienmanager. Er war 25 Jahre lang Chefredakteur und Herausgeber des Nachrichtenmagazins profil.
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