Landkarte ohne Israel?
Als vor fünfzig Jahren Israel ausgerechnet am höchsten jüdischen Feiertag Jom-Kippur von mehreren Nachbarstaaten überfallen wurde, zog die damalige Ministerpräsidentin Golda Meir folgende Schlussfolgerung: „Wenn die Araber die Waffen niederlegen, gibt es Frieden. Wenn Israel die Waffen niederlegt, gibt es kein Israel mehr.“ Daran erinnert man sich, als zum Jahrestag dieses Überfalls die in Gaza herrschende Terrororganisation Hamas im israelischen Grenzgebiet ein unglaublich grausames Massaker anrichtete. Ähnlich argumentierte die Ukraine nach dem russischen Überfall und man kann sich gut vorstellen, dass ohne bewaffneten Widerstand und massive Unterstützung die Ukraine schon längst von der Landkarte verschwunden wäre.
„Da ist mehr Wachsamkeit und Entschlossenheit notwendig.“
Dabei haben maßgebliche russische Politiker erklärt, dass sie die Ukraine sozusagen nur als Vorspeise ansehen. Ziel ist zunächst die Wiederherstellung des Einflussbereiches der früheren Sowjetunion und in weiterer Folge ein Russland vom Ural bis zum Atlantik. Auch bei der Hamas wird ähnlich gedacht. Die Auslöschung Israels wird vielfach nur als Zwischenziel gesehen, im Hintergrund steht ein radikal-islamistisches Kalifat von Jerusalem bis Rom, das später dann in einen weltweiten Gottesstaat münden soll. Interessant ist, dass es in Europa kaum Demonstrationen für Putin gab, wohl aber in großer Zahl für die Ukraine. Dagegen finden die Palästinenser ungeachtet des Massakers in der öffentlichen Meinung starke Unterstützung, obwohl die Bewohner des Gazastreifens eher von der Hamas als von Israel unterdrückt werden. Ob die Milliarden internationaler Hilfsgelder alle der Bevölkerung zugute kamen, darf wohl bezweifelt werden, eher sind sie in den Taschen der Hamas gelandet.
Bei den Demonstrationen wird meistens auch übersehen, dass man zwischen dem Staat Israel und dem Judentum angehörenden Menschen unterscheiden muss. An der deutlich radikalisierten israelischen Regierung und der ultra-orthodoxen Drangsalierung im Westjordanland ist gerade in letzter Zeit Kritik zu üben. Aber das tun auch viele Israelis selbst. Dabei darf auch nicht übersehen werden, dass die überwiegende Zahl jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger gar nicht in Israel lebt, sondern weltweit verstreut ist. Umso gefährlicher ist daher, dass gar nicht auf den Staat Israel, sondern auf das Judentum schlechthin zielender plumper Antisemitismus von rechts bis links Auferstehung feiert. Anders lassen sich die in Europa, auch in Österreich, gehäuft auftretenden Attacken auf jüdische Einrichtungen nicht erklären. Da ist mehr Wachsamkeit (die in Wien zuletzt gefehlt hat) und Entschlossenheit notwendig.
Es gibt aber auch eine gute Nachricht. Dass sich zahlreiche Vertreter der muslimischen Glaubensgemeinschaft Europas vom Antisemitismus distanzieren, ist ein Hoffnung machendes Zeichen.
Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.
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