Vollkasko-Mentalität
„Frage nicht, was dein Land für dich tun kann. Frage, was du für dein Land tun kannst“. Was John F. Kennedy 1961 in seiner ersten Rede als US-Präsident gesagt hat, hat bis heute auch bei uns Berechtigung. Bloß wollen das immer weniger wissen. Die meisten fragen, was das Land für sie tun kann. Vollkasko-Mentalität nennt das WIFO-Chef Gabriel Felbermayr und schrieb gerade in der „Süddeutschen Zeitung“, dass es keine Vollversicherung für die Bürger zum Nulltarif geben könne.
„Den autofreien Tag haben wir 1974 auch unbeschadet überstanden.“
Einer der führenden Ökonomen des Landes sorgt sich angesichts der aktuellen Geldgeschenke um die finanzielle Zukunft. 34,7 Milliarden Euro an Corona-Hilfen (inklusive Überförderungen für manche Betriebe), 32 Milliarden gegen die Teuerung, geschätzte vier Milliarden für die Strompreisbremse. Felbermayr rechnet vor: Österreich hat 342 Milliarden Euro an Staatsschulden, die Staatsschuldenquote beläuft sich auf 80 Prozent. Zum Vergleich: Deutschland 66 Prozent, Tschechischen Republik nur 43 Prozent. Und dennoch meinen manche Oppositionsparteien, aber auch die Wahlkämpfer der ÖVP in Tirol und Niederösterreich: Darfs ein bisserl mehr sein? Nach dem Motto „Koste es, was es wolle“ (Sebastian Kurz) und „Hol dir, was dir zusteht“ (Altkanzler Christian Kern). Doch immer mehr Ökonomen sagen wie Felbermayr: „Wir dürfen den Staat nicht überfordern. Jeder Einzelne sollte sich überlegen, welchen Beitrag er persönlich in der Energiekrise leisten kann“.
Womit wir wieder bei Kennedy sind. Der wollte sein Volk auf den schwierigen Kurs gegenüber der damaligen UdSSR einstimmen. Eine Parallele zu heute. Was also können wir tun? Wir sollten uns vom Glauben lösen, dass ein Ende der Sanktionen bedeutet, dass russisches Gas wieder ungehindert fließt. Wer wie Putin ein Land ohne Rücksicht auf Verluste überfällt, wird sich an keine Zusage halten. Am Krieg ist Putin schuld, nicht die Sanktionen. Wer diesen hemmungslosen Aggressor stoppen will, muss Opfer bringen. Also bleibt uns nichts anderes übrig als die jüngste Forderung von Ministerin Gewessler zu akzeptieren, dass die Raumtemperatur in öffentlichen Gebäuden mit 19 Grad limitiert wird. Das lässt sich auch zuhause umsetzen. Tempo 100 auf Autobahnen statt 130 spart 23 Prozent Sprit. Geht auch freiwillig, solange die Politik nicht den Mumm hat, das zumindest temporär zu verordnen. Den autofreien Tag haben wir 1974 auch unbeschadet überstanden. Umstieg auf Öffis, idealerweise mit Klimaticket. Umstieg auf alternative Energien durch jene, die es sich leisten können. Impfen gehen, damit ein nächster Lockdown vermieden werden kann, den viele Betriebe und wohl auch der Staat nicht mehr verkraften würden. Anstatt dem Gefasel von Corona-Leugnern auf den Leim zu gehen, die politisches Kleingeld auf dem Rücken der Bevölkerung austragen und glauben, die nach wie vor drohende Gefahr mit Wurmmitteln bannen zu können. Immerhin rechnet der deutsche Virologe Christian Drosten mit einer starken Corona-Welle noch vor dem Dezember, aber wir in Österreich haben eine der niedrigsten Impfquoten in ganz Europa. Quer durch Österreich regt sich Widerstand gegen Windräder, vor allem bei jenen, in deren Umfeld die Windräder entstehen sollen. Etwas weniger Floriani-Prinzip wird nötig sein. Wenn selbst die deutschen Grünen grübeln, ob drei Atomkraftwerke länger am Netz bleiben sollen, ist mehr Windkraft auch bei uns zumutbar.
Wir alle: Das sind auch unsere Politikerinnen und Politiker. Sie sollten endlich aufhören, bloß nach dem nächsten Wahlerfolg zu schielen, endlich klar sagen, was Sache ist, und mehr in die Zukunft schauen. Gemeinsames Handeln, bei aller Unterschiedlichkeit der Weltanschauung, mehr Respekt voreinander und Weitblick statt Populismus sind gefragt.
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