Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Bildungsfeindlich

Politik / 20.11.2021 • 07:30 Uhr

Auch dem Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) ist zuzugestehen, dass es unmöglich ist, kontrolliert durch die Pandemie zu kommen.

Es geht um Entscheidungen von unheimlicher Tragweite; um das Leben unzähliger Menschen, aber auch das Funktionieren von Gesellschaft und Wirtschaft. Da muss man Nerven zeigen.

Andererseits: Jeden Tag aufs Neue wird klar, dass die einzige Konstante in dieser Krise jene ist, dass es permanent Überraschungen gibt. Einmal taucht eine Virusvariante auf, dann entwickelt sich die Impfbereitschaft nicht so, wie man es erwartet hat, und schließlich wird deutlich, dass sehr schnell Drittstiche nötig werden. Dem sollte gerade auch die Politik Rechnung tragen, um rechtzeitig reagieren zu können. Das Problem ist, dass sie es nicht getan hat.

„Stimmen, die Zweifel anmeldeten, hatten keinen Platz. Es gab nur schwarz oder weiß, gut oder böse.“

Niemand konnte vor ein paar Monaten mit Sicherheit sagen, dass das Schlimmste erst bevorstehen würde. Experten vom österreichischen Prognosekonsortium, vom eidgenössischen Bundesamt für Gesundheit und vom deutschen Robert-Koch-Institut sind jedoch unabhängig voneinander zum Schluss gekommen, dass man sich nicht auf der sicheren Seite wähnen sollte. Insofern war die türkise Erklärung, die Pandemie sei gemeistert, ebenso absurd und fahrlässig, wie die grüne Ermunterung, sich ins Nachtleben zu stürzen. Beides steht für genau jene Sorglosigkeit, die dazu beigetragen hat, dass all die „Worst-Case“-Szenarien nun wirklich eingetreten sind.

Vor allem aber zeugte es von Bildungs- und Wissenschaftsfeindlichkeit: Möglicherweise im Glauben, vorgeben zu müssen, alles unter Kontrolle zu haben, vermittelte Politik schlichte Botschaften und damit einhergehend auch falsche Gewissheiten. Vom „Licht am Ende des Tunnels“ bis zur „Rückkehr zur Normalität“ im Sommer 2021. Stimmen, die Zweifel anmeldeten, hatten im Sinne Sebastian Kurz’scher „Message Control“ keinen Platz. Es gab nur schwarz oder weiß, gut oder böse.

Politiker wie der Salzburger Landeshauptmann haben das bis zuletzt fortgesetzt. Als es schon so spät war, dass die Spitäler auf eine Triage zusteuerten, wehrte er sich mit Händen und Füßen gegen einen regionalen Lockdown. Virologen, die einen solchen forderten, beschimpfte er, alle Österreicher „am liebsten“ einsperren zu wollen und an Depression sterben oder verhungern oder verdursten zu lassen. Sagen wir so: Es handelte sich um einen Wutausbruch. Haslauer konnte nicht eingestehen, dass er und seinesgleichen gescheitert sind. Er musste es auf seine Weise herausschreien.

Schnelle Lernfähigkeit ist nicht zu erwarten. Zur ersten Schließung, die Haslauer diese Woche ankündigte, zählte bezeichnenderweise jene der Schulen. Botschaft: Bildung, Jugend, Zukunft – egal. Das ist bewusst zugespitzt formuliert: Mittlerweile heißt es, dass der Unterricht irgendwie weiterlaufen werde. Der Punkt ist jedoch der: Gerade wenn man der Überzeugung ist, Schulen im Falle des Falles aus epidemiologischen Gründen zusperren zu müssen, sollte man von vornherein alles tun, damit es nicht so weit kommen kann. Dazu würde wiederum gehören, Experten auch unangehme Dinge aussprechen zu lassen und möglichst früh auf bedrohliche Entwicklungen einzugehen. Haslauer steht stellvertretend für eine Politik, die nicht dazu in der Lage ist. Sie ist Opfer ihrer Scheinwelt, sprich Inszenierung, die ausblendet, was ihr zuwiderläuft.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.