Mediziner: “Die Impfkritiker können offenbar nicht rechnen”

Es herrscht ein hoher Infektionsdruck und die Ungeimpften sind schuld an der aktuellen Lage, sagt Herwig Kollaritsch, Mitglied des Nationalen Impfgremiums.
Wien Wenn Eltern ihre Kinder schützen wollen, müssen sie sich impfen, erklärt Universitätsprofessor Herwig Kollaritsch.
Der Mediziner ist Experte im Bereich der Tropen- und Reisemedizin, des Impfwesens und der Epidemiologie und ruft dringend zur Impfung auf. Bei den Fünf- bis Zwölfjährigen rät er aber dazu, die Zulassung abzuwarten. Dass die Zahl der Impfdurchbrüche zunimmt, überrascht Kollaritsch nicht: Schließlich steige auch die Zahl der Vollimmunisierten. Die Wirksamkeit gegen symptomatische Verläufe liege weiterhin zwischen 70 und 80 Prozent, gegen schwere Verläufe bei deutlich über 90 Prozent. Impfkritikern wirft der Mediziner vor, offenbar nicht rechnen zu können. Internationale Beispiele zeigten, dass die Welle bei hohen Impfquoten deutlich flacher verläuft.
Wir verzeichnen derzeit die höchsten Werte an Neuinfektionen seit Beginn der Pandemie. Woran liegt das?
Der Infektionsdruck ist aufgrund der extrem ansteckenden Deltavariante sehr hoch und die Impfquote weiterhin zu niedrig. Mittlerweile ist hinlänglich erwiesen, dass man die Welle mit der Impfung abflachen kann. Das sehen wir zum Beispiel in Ländern mit hohen Impfquoten wie Portugal, Spanien oder Frankreich. Nur in Österreich funktioniert das nicht.
Warum?
Das liegt auf der Hand. In Österreich sind impfskeptische, teilweise politisch motiviert impfskeptische Personen, die einen entsprechenden Zulauf haben, sehr präsent. Nicht ohne Grund verzeichnen wir gerade in Oberösterreich und Salzburg sehr hohe Infektionszahlen. In Salzburg gibt es einen Privatsender, der teilweise massiv gegen das Impfen spricht, in Oberösterreich entsprechende politische Gruppen. Die Zusammenhänge lassen sich klar erkennen.
Das Burgenland setzte auf eine Impflotterie und hatte Erfolg. Braucht es überall solche Anreize?
Anreize sind immer sinnvoll, denn wir haben seit der zweiten Junihälfte ein Überangebot an Impfstoff. Es ist auch die entsprechende Aufklärung da. Viele schieben der Regierung die Schuld für die geringe Impfquote in die Schuhe. Das stimmt nicht. Ab der zweiten Junihälfte sind weitgehend die Bevölkerung und die impfskeptischen Meinungsmacher an diesem unnötigen Problem schuld.

Muss der Druck auf Ungeimpfte steigen?
Das passiert laufend mit Maßnahmen, die das Leben der Ungeimpften etwas unbequemer machen. Das ist sicher keine feine, aber wahrscheinlich die einzige Möglichkeit. Alle anderen Möglichkeiten haben wir ausgeschöpft.
Ist die 2G-Regel der richtige Weg?
Definitiv, solange wir diese Zahlen haben. Jetzt müssen wir die Maßnahmen verschärfen. Wenn die Zahl der Neuinfektionen sinkt, können wir in Einzelbereichen wieder lockern.
Sollten auch Geimpfte wieder in Quarantäne müssen?
Im Moment wäre das sinnvoll, weil auch infizierte Geimpfte das Virus übertragen können.
Auf 1000 Impfungen kommen derzeit drei Impfdurchbrüche. Viele Kritiker sehen das als Begründung, sich nicht impfen zu lassen.
Es ist ein Jammer, dass die Impfkritiker offenbar durch die Bank nicht rechnen können. Sie brauchen ja nichts anderes zu tun, als die Zahl der Covid-Patienten in den Spitälern abzufragen und sich über deren Impfstatus zu informieren und dann die Inzidenz beispielsweise pro 100.000 Ungeimpfter zu 100.000 Geimpften zu bestimmen. Mit einer zunehmenden Zahl an Geimpften steigt natürlich auch die Zahl der Impfdurchbrüche bei gleichbleibender Wirksamkeit.

Knapp zwei Drittel der Österreicher sind geimpft. Ein Großteil der Neuinfektionen geht aber auf das ungeimpfte Drittel zurück.
Genau. Hinzu kommt die Demographie. Ältere Personen mit Grunderkrankungen sind vorwiegend geimpft. Die Ungeimpften sind also eher die Jüngeren ohne Grunderkrankungen. Gleichzeitig sind die Folgen einer Covid-Infektion bei Älteren höher, daher kann ein Impfdurchbruch bei ihnen gravierender sein. Fest steht aber, dass die Impfung in der Lage ist, den überwiegenden Teil der Geimpften vor schweren Erkrankungen gut zu schützen. Mit der Deltavariante liegt die Effektivität zwischen 70 und 80 Prozent, was symptomatische Erkrankungen betrifft. Bei schweren Verläufen liegen wir bei deutlich über 90 Prozent.
Wie wichtig ist der dritte Stich?
Die ältere Bevölkerung hat bei der Erstimpfung brav mitgemacht, aber jetzt ist die Luft ein wenig draußen. Viele holen sich den Drittstich nicht ab, obwohl er vor allem für die ältere Bevölkerung ganz wichtig ist. Daten aus Israel zeigen: Verabreicht man nach sechs Monaten die dritte Dosis, sinkt die Zahl der Geimpften, die ins Spital kommen, um 90 Prozent. Für all jene, die von Jänner bis April geimpft wurden, ist es hoch an der Zeit, sich den dritten Stich abzuholen.
Wien plant eine Impfaktion für Fünf- bis Zwölfjährige, obwohl es für diese Altersgruppe noch keine Zulassung gibt. Befürworten Sie das?
Mit dieser Entscheidung bin ich nicht ganz glücklich. Wir wissen, dass eine Infektion bei Kindern harmloser – nicht harmlos, sondern harmloser – verläuft. Es sterben weniger und es gibt weniger Long-Covid-Fälle. Gleichzeitig wissen wir, dass die mRNA-Impfstoffe sehr selten zunehmend mit jüngerem Alter Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen auslösen können. Um die Risiko-Nutzen-Relation zu bestimmen, haben wir aber noch zu wenig Daten. Daher sollte die Zulassung abgewartet werden.
Wie sieht die Relation bei Erwachsenen aus?
Bei jungen Erwachsenen gehen wir davon aus, dass es bei einer Coronainfektion ungefähr sechs- bis zehnmal häufiger zu Herzmuskel-Entzündungen kommt als nach einer Impfung. Das heißt, bei den Kindern könnten wir rasch in einen Bereich kommen, wo die Nutzen-Risiko-Relation weniger günstig ausfällt. Das müssen wir klären, bevor wir mit der Impfung beginnen, auch wenn das eine Verzögerung von ein paar Wochen zur Folge hat.

Welche Folgen hat diese Verzögerung?
Selbst wenn wir jetzt direkt mit den Impfungen der Fünf- bis Zwölfjährigen beginnen, hätte das überhaupt keine Bedeutung für die aktuelle Welle. Dafür kommt die Impfung zu spät. Die Kinder wären erst rund um Weihnachten voll immunisiert. Da muss die Welle ohnehin vorbei sein, alles andere würden wir nicht aushalten.
Würde sich die Frage einer Kinderimpfung bei einer höheren Impfquote der Erwachsenen überhaupt stellen?
Wenn die Erwachsenen die Impfung ordentlich akzeptiert hätten, würden die Inzidenzen so stark zurückgehen, dass die Erkrankungen bei den Kindern nicht mehr ins Gewicht fallen. Die Frage der Kinderimpfung hätte sich erübrigt. Wenn Eltern also wirklich etwas tun wollen, um ihre Kinder zu schützen, gibt es nur eine Antwort: Sie müssen sich zuerst einmal selbst impfen lassen.