Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Impfdilemma

Politik / 30.10.2021 • 06:30 Uhr

Zum Nationalfeiertag hat sich Bundespräsident Alexander Van der Bellen wieder einmal als Mutmacher hervorgetan: Es tue ihm in der Seele weh zu sehen, wie gespalten Österreich im zweiten Jahr der Pandemie ist.

„Ein Riss ist durchs Land gegangen. Mitten durchs Land. Mitten durch Freundschaften. Mitten durch Familien“, erklärte Van der Bellen, der nicht er wäre, würde er nicht trotzdem zuversichtlich bleiben: „Wir werden diesen Riss heilen.“

„Erwachsenen wäre es zumutbar, für Tests im Rahmen der 3-G-Regel einen Selbstbehalt bezahlen zu müssen.

Zunächst steht jedoch eine weitere Belastungsprobe an: Wieder gibt es eine Infektionswelle, wieder füllen sich die Spitäler. Die Pandemie ist nicht vorbei. Weder für Geimpfte noch für Ungeimpfte. Die Wahrscheinlichkeiten, schwer zu erkranken, mögen sich stark unterscheiden. Unterm Strich leiden jedoch alle. Ärzte und Pfleger, deren Energiereserven ohnehin schon aufgebraucht sind. Und Angehörige. Und Steuerzahler, die anfallende Rechnungen begleichen müssen. Und diejenigen, die von Beschränkungen betroffen sind. Also wirklich alle.

Die Gefahr ist groß, dass sich der Riss in den kommenden Wochen ausweitet: Zu den Problemen Österreichs zählt, dass die Impfquote sehr niedrig ist. Von daher könnte es naheliegend erscheinen, Ungeimpften allein zuzuschreiben, dass diese Pandemie in die Verlängerung geht. Das wäre jedoch zu einfach.

Erstens: Impfen ist nicht die Lösung, sondern ein entscheidender Teil davon. Das bedeutet, dass man darauf setzen sollte; und dass man, wenn man es tut, nicht vollkommen sorglos werden sollte. Zweites: Das Bewusstsein für beides ist unterentwickelt.

Es mangelt an Verantwortungskultur. Was ein Segen sein kann, ist hier zum Fluch geworden: Österreich hat einen starken Staat, der unter dem Motto „Koste es, was es wolle“ in die Krise gegangen ist und sich – „geschehe, was wolle“ – um alles gekümmert hat. Das war beruhigend. Einerseits. Andererseits ist die Politik dabei geblieben, bietet zum Beispiel Tests bis heute generell gratis an. Glaubt, dass die Menschen immer tun, was von ihnen verlangt wird. Verzichtet sogar darauf, sich Motive zum Thema Impfen anzuschauen, um drauf eingehen zu können. Das ist verhängnisvoll.

So wichtig es ist, dass Bürger bei allem, was sie tun, sowohl an sich selbst als auch an die Allgemeinheit denken, so notwendig ist es, dass das gefördert wird. Am besten durch einen Maßnahmenmix: Zumal ein gängiges Argument gegen eine Impfung nach wie vor ist, dass die Stoffe zu wenig erprobt seien, wäre es naheliegend, Aufklärungsarbeit viel stärker an Experten zu übertragen, die über eine gewisse Glaubwürdigkeit verfügen. Parallel dazu könnte man Tests im Rahmen der 3-G-Regel (auch am Arbeitsplatz) kostenpflichtig machen. Ein Selbstbehalt nach Art der Rezeptgebühr wäre Erwachsenen zumutbar. Beides scheut die Politik jedoch: Kampagnen führt sie lieber selbst, Unpopuläres mag sie sowieso nicht.

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.