Peter Schröder

Kommentar

Peter Schröder

“Wir schaffen das nicht”?

Politik / 22.08.2021 • 15:05 Uhr

Jetzt ist da, was so sicher zu erwarten war: Die Wiederauflage des großen Gejammers über das vermeintliche Übel der drohenden und natürlich unzumutbaren “Asylanten-Welle” aus Afghanistan. Europäische Politiker drucksen herum, dass eine Politik der offenen Tür mit einem Massenansturm von 1,2 Millionen Flüchtlingen wie 2015 wegen der schädlichen Einflüsse auf Gesellschaft und Haushaltskassen tunlichst zu vermeiden sei. Und “Volkes Stimme” gibt oft mit rassistischen Untertönen ihr “wir schaffen (und wollen) das nicht” zu Protokoll. Obendrein sei das alles ja auch ein US-Problem.

Humanitärer Hilfe sind die Krisen-Warner aber nicht grundsätzlich abgeneigt: Afghanische Hilfswillige, die “unseren Soldaten” und “unseren Regierungen” bei der “Verteidigung unserer Freiheit am Hindukusch” geholfen haben und die jetzt von den Meuchelmördern der steinzeitlichen Taliban gejagt werden, wollen “wir” ja gern ausfliegen. Nur “wohin mit den Geretteten” wissen “wir” nicht so genau. Am besten irgendwo in der afghanischen Nachbarschaft wie etwa den Iran oder Pakistan. Aber diese Länder sind auch nicht so scharf aufs Beherbergen der Afghanen. Im Iran drohen “nicht eingeladenen Zuzüglern” Zuchthausstrafen bis zu 25 Jahren.

Nur “wohin mit den Geretteten” wissen “wir” nicht so genau.

Einige EU-Regierungen wie Deutschland und Frankreich verkünden immerhin eine Aufnahmebereitschaft für afghanische Menschenrechtsvertreter, Anti-Taliban-Politiker, Journalisten und Künstler. Geflissentlich “übersehen” wird dabei, dass sehr viel mehr Menschen aus Afghanistan gerettet werden müssten. Beispielsweise unterschiedslos von Unterdrückung, Verfolgung und Tod bedrohte Frauen und Mädchen, Homosexuelle, “Andersgläubige”; ja und auch ihrer Lebensgrundlage beraubte Afghanen.

Schätzungen der US-Regierung zufolge ist in der nächsten Zeit mit einer Flüchtlingswelle von mehreren hunderttausend Afghani zu rechnen. Und deren Aufnahme “bei uns” soll unzumutbar und nicht finanzierbar sein? Haben die Asylbewerber von 2015 in Europa das gesellschaftliche Gefüge zerstört und die Staatshaushalte ruiniert? Nachweislich nicht. Für die Linderung der wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Pandemie konnten allein die europäischen Regierungen Billionen ausgeben. Ein Vielfaches von dem was bei der Aufnahme der in Afghanistan zu rettenden Menschen anfallen würde.

“Wir” sind doch so stolz auf unsere humanitären Prinzipien, und da wollen einem vermeidbaren Massenmorden und Massenelend von Menschen zusehen, die etwas anders aussehen als “wir” und nicht in die Kirche gehen? Was verstehen “wir” dann noch unter “Mitmenschlichkeit”?