Virus-Katastrophe in Indien

Politik / 26.04.2021 • 22:36 Uhr
Angehörige eines Mannes, der mit dem Coronavirus gestorben ist, trauern vor einem Spital in Ahmedabad. reuters
Angehörige eines Mannes, der mit dem Coronavirus gestorben ist, trauern vor einem Spital in Ahmedabad. reuters

Höchstwert an Neuinfektionen, viele Krankenhäuser überlastet.

neu-delhi In Indien nimmt die zweite Coronawelle immer größere Ausmaße an. Das Land meldete am Montag mit 352.991 Neuinfektionen den fünften Tag in Folge einen weltweiten Höchstwert. Kliniken sind überlastet, und der Sauerstoff zur Behandlung von Covid-19-Patienten wird knapp. Der südindische Bundesstaat Karnataka mit dem Technologie- und Outsourcing-Zentrum Bangalore verhängt ab heute, Dienstag, einen Lockdown, um das Virus einzudämmen. Mehrere Länder haben Indien Hilfe angeboten.

Einreisebeschränkungen geprüft

Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnte angesichts der in Indien aufgetauchten Corona-variante B.1.617 vor voreiligen Schlüssen. Die WHO beobachtet die Virusvariante, hat sie aber noch nicht als besorgniserregend eingestuft. Das Gesundheitsministerium in Wien prüfte verschärfte Einreisebeschränkungen für Personen, die aus Indien kommen. Es gebe derzeit keine direkten Linienflüge zwischen Indien und Österreich. Maßnahmen für Personen, die über Zwischendestinationen anreisen, werden geprüft.

Indien bat die Europäische Union nach deren Angaben um medizinischen Sauerstoff und Medikamente, insbesondere Remdesivir zur Behandlung von Covid-19. Die USA wollen Rohstoffe für Corona-Impfstoffe, Beatmungsgeräte, Schnelltests und Schutzkleidung bereitstellen.

Viele Kliniken in Indien werden des Ansturms nicht mehr Herr und weisen Patienten aus Mangel an Betten, Ausrüstung und Medikamenten ab. Selbst Bahren, um die Toten wegzubringen, wurden knapp. In stark betroffenen Städten wie Neu-Delhi wurden die Leichen in provisorischen Krematorien verbrannt. Indien mit einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen hat bisher 17,31 Millionen Infektionen und 195.123 Tote verzeichnet. Gesundheitsexperten gehen aber davon aus, dass die Dunkelziffer bei den Toten weitaus höher ist. Hintergrund der stark steigenden Infektionszahlen ist die besonders ansteckende Virus-Mutante B.1.617. Experten befürchten bei einem anhaltenden Trend, dass die Krankenhäuser in einer Woche überlastet seien und es dann kaum noch freie Betten für Covid-19-Patienten geben werde.

Neben der Mutante könnten auch religiöse und politische Massenveranstaltungen zur Verbreitung des Virus in Indien beitragen. Die Regierung von Ministerpräsident Narendra Modi hatte sie zugelassen, obwohl die Infektionszahlen in der zweiten Welle wieder stiegen. Derzeit finden in Indien Kommunalwahlen statt. Allein am Montag sind 8,6 Millionen Wahlberechtigte in Westbengalen aufgefordert, ihre Stimme abzugeben.

Angesichts der täglichen Höchstwerte hatte Modi die Bürger aufgerufen, vorsichtig zu sein und sich impfen zu lassen. Aber auch die Rohstoffe für die Impfstoffe werden knapp. Zusätzlich wird die Produktion von einem Feuer in einem Werk belastet, das das Vakzin von AstraZeneca herstellt. Mancherorts wurde das Impfen wieder eingestellt.

Stichwort B.1.617

Das indische Gesundheitsministerium wies Ende März 2021 auf die Variante B.1.617 hin. Jüngsten Angaben zufolge macht B.1.617  mittlerweile rund 60 Prozent der Corona-Neuinfektionen aus. Auch in 18 weiteren Ländern wurde die Variante bereits festgestellt, Österreich zählt nicht dazu. Die WHO beobachtet die Variante, stufte sie aber noch nicht als “besorgniserregend” ein. Bislang sei nicht klar, in welchem Ausmaß sie für den rapiden Anstieg der Fälle in Indien mitverantwortlich ist. B.1.617 hat zwei Mutationen an einem Oberflächenprotein, die von anderen unter Beobachtung stehenden Linien bekannt sind. Allerdings traten die beiden Mutationen laut WHO bislang nicht zusammen in einer Variante auf. L452R könne Einfluss auf die Effizienz von Behandlungen mit monoklonalen Antikörpern haben. Die andere Mutation, E484Q, neutralisiere womöglich Antikörper, die bei einer früheren Infektion gebildet worden waren. Dann wären Genesene nicht mehr vor einer neuen Infektion geschützt. Als besorgniserregend  hat die WHO etwa die zuerst in Großbritannien (B.1.1.7), Südafrika (B.1.351) und Brasilien (P.1) entdeckten Varianten eingestuft.