Spiel mit dem Feuer
Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigt Größe. Sehr früh hat sie erklärt, dass das Virus eine demokratische Zumutung ist. Tatsächlich sind Beschränkungen das Gegenteil von dem, was „normal“ sein muss. Freiheiten wie jene nämlich, sich mit anderen zu versammeln, erwerbstätig zu sein oder zu verreisen. Demonstrationen werden immer wieder verboten, Gewerbe dürfen nicht stattfinden, Grenzen sind zu. Wobei es Gründe dafür geben kann. Zumindest Kritik muss jedoch erlaubt sein. Merkel ermuntert dazu.
„Merkel liefert ein Musterbeispiel dafür, mit Ungewissheit umzugehen. Andere praktizieren das Gegenteil.“
Diese Woche hat sie gestanden, wie ohnmächtig sie und ihresgleichen sind: „Wir versuchen jetzt, die Brücke zu bauen, aber wir wissen auch nicht, wohin wir die genau bauen. Also, das Ufer sehen wir ja auch nicht.“ Das sei das große Problem. Vielleicht bleibt die dritte Welle überschaubar und sind bald so viele Menschen geimpft, dass alles gut wird. Möglicherweise wird es aber auch zu weiteren, gefährlicheren Mutationen kommen. „Ich weiß auch nicht, was dieses Virus noch anstellt“, so die Kanzlerin.
Es gehört Selbstbewusstsein, aber auch Weisheit dazu, sich so zu äußern. Zumal Merkel ja trotzdem nicht resigniert: In den vergangenen Monaten hat sie, um bei ihrem Bild zu bleiben, den Brückenbau immer nur so weit vorangetrieben, soweit es klug erschien. Im Oktober, als in Österreich eher noch Sorglosigkeit herrschte, appellierte sie an ihre Landsleute, zu Hause zu bleiben. Bald kam es in Deutschland zu Beschränkungen und, obwohl es bei relativ wenigen Neuinfektionen geblieben ist, bis heute nicht zu so weitreichenden Lockerungen wie hierzulande. Grund: Risiken, die mit den Mutationen einhergehen.
Absurde Verheißungen
Das ist ein Musterbeispiel dafür, mit Ungewissheit zu arbeiten. Das Gegenteil davon ist es, den Leuten eine baldige Rückkehr zur Normalität in Aussicht zu stellen oder zu behaupten, wir würden uns auf den letzten Kilometern eines Marathons befinden. Beides kann nur schiefgehen: Abgesehen davon, dass jeder Kilometer gegen Ende eines Marathons exponentiell härter wird, ist offen, ob der gegenwärtige Marathon 42,195 oder vielleicht 50 Kilometer lang sein wird. Sprich: Gerade weil hier Hoffnung gemacht wird, besteht die Gefahr, dass es zu extrem großen Enttäuschungen kommt, die bis hin zur Selbstaufgabe reichen.
Es gibt sehr unterschiedliche Varianten, mit der Ungewissheit umzugehen: Das virologische Regierungsquartett in Wien neigt dazu, so zu tun, als habe es alles unter Kontrolle. Wenn etwas schief geht, sind immer andere schuld; „die EU“ etwa. FPÖ-Chef Herbert Kickl liefert dagegen fundamentalistische Opposition: Er gibt den Einpeitscher einer Bewegung, die zum Teil aus Leuten bestehen mag, die nicht (mehr) können oder wollen und die ihm daher auf den Leim gehen; vor allem aber auch aus Gewalttätern und Neonazis, deren einziges Bestreben es ist, zerstörerisch zu sein. Wobei das Entlarvende eben ist, dass Kickl im Sinne einer Mobilmachung für die Freiheitlichen kein Problem damit hat. Im Gegenteil, das zeigt er, wenn er martialisch etwa von „Corona-Stahlhelmen in den Regierungsbüros“ spricht: Das ist ein Codewort für einen Mob, ein Spiel mit dem Feuer.
Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.
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