Dritte Welle
„Wir erleben, dass diese Pandemie in Wellen verläuft. Die erste Welle war im Frühling, die zweite im Herbst und natürlich kommt jetzt die dritte Welle auf uns zu.“ Das teilte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) diese Woche in der deutschen „Bild“-Zeitung mit. Es ist insofern bemerkenswert, als er und sein Regierungsteam daneben auch Erfreuliches in Aussicht stellen: Weitere Lockerungen für die Gastronomie beispielsweise.
Gemessen am bisherigen Kurs ist das widersprüchlich: Zunächst hatte alles andere Nachrang gegenüber dem Ziel, die Infektionszahlen zu drücken. Als Argumente dafür galten die Wege, die Schweden, aber auch die Schweiz eingeschlagen hatten: Dort gab es in der ersten Welle zwar weniger Beschränkungen, aber viel mehr Todesfälle gemessen an der Bevölkerung.
„Das Schlimmste ist, dass bei den Impfungen kaum etwas weitergeht. 95 Prozent sind noch nicht geschützt.“
Heute geht Österreich ebenfalls zu einem solchen Weg über. Zugeben will man es nicht. Die Ausgangslage wirkt jedoch alternativlos: Wenn harte Beschränkungen zu lange dauern, werden sie zum Teil sogar kontraproduktiv. Der britische „Economist“ hat das unlängst in einem Vergleich amerikanischer Bundesstaaten dargestellt. Irgendwann können und wollen die Leute nicht mehr verzichten auf Kontakte und Geburtstagsfeiern; doch weil sie eben illegal sind, finden feucht-fröhliche Begegnungen dort statt, wo es epidemiologisch am schlechtesten ist: in geschlossenen, stickigen Hinterzimmern.
In jedem Fall schlecht sind harte Beschränkungen in wirtschaftlicher Hinsicht. In Österreich gab es im vergangenen Jahr mit rund sieben Prozent einen gut zweimal größeren Einbruch der Wirtschaftsleistung als in Schweden und in der Schweiz.
Ihre Wege lassen sich jedoch nicht mehr kopieren. Selbst wenn es eine breite Zustimmung dafür geben würde und sich die Todesfallzahlen infolge der zweiten Welle ohnehin schon ein Stück weit angenähert haben, wäre es zu spät dafür: Österreich steht bereits in der dritten Welle, in mehreren Bundesländern breiten sich die Infektionen exponentiell aus. In der Schweiz sind sie nicht nur deutlich niedriger, sondern auch noch stabil. Die vielen Tests hierzulande sind positiv, Ansteckungen mit Mutationen können sie aber nur begrenzt verhindern. Und das Schlimmste ist: Bei den Impfungen geht kaum etwas weiter. 95 Prozent sind noch nicht geschützt. Bei extrem hohen Infektionszahlen drohen damit wieder sehr viele schwere Erkrankungsfälle.
Schweizer Weg
In der Schweiz sind nicht nur Skigebiete, sondern auch Hotels offen. Gäste dürfen in den dortigen Restaurants essen und auch die Wellnessbereiche nützen. Eine Erklärung dafür, dass es trotzdem nicht mehr Infektionen gibt, ist möglicherweise diese: Wenn es brennt, wird nicht abgewartet und beschwichtigt, sondern gehandelt. Im Jänner trat die „südafrikanische“ Mutation genau dort auf, wo Milliardäre absteigen: in St. Moritz. Ohne zu zögern wurden auch Spitzen-Hotels unter Quarantäne gestellt. Vergleichbare Beispiele aus Österreich deuten darauf hin, dass man hierzulande eher einmal schaut, was passiert. Doch wenn etwas passiert, ist es bereits zu spät. Die gefährlicheren Mutationen sind nicht mehr wegzubringen und selbst unter größten Mühen in ihrer Ausbreitung kaum noch zu bremsen. Siehe die steilen Kurven insbesondere in Wien, dem Burgenland und Niederösterreich.
Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.
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