The show must go on
Sebastian Kurz und Michael Ludwig hatten dann doch noch eine Idee, um die Anmeldezahlen zu den Coronatestungen zu erhöhen, damit sie die Bezeichnung Massentests einigermaßen verdienen. Schließlich waren am Montag die Schlangen vor den wiedereröffneten Handelsgeschäften doch deutlich länger als jene vor den Abstrichstationen, obwohl es auch dort inzwischen heißt „Bring your family“. So trat der Bundeskanzler, zwar nicht mit Familie, aber gemeinsam mit dem sonst oppositionellen Wiener Bürgermeister den Gang in die Messe Wien an. Besser eine halbe Stunde Zeitaufwand für den Test als Wochen im Lockdown, meinte Kurz. Der Öffentlichkeit wurde anschließend das Ergebnis in die Kameras präsentiert, Spitzenpolitiker mit Wattestäbchen in der Nase blieben dem Publikum erspart. Eigentlich schade.
Denn nichts prägt das Image von Personen wie von Ereignissen besser als Bilder. Daher würden Pharmafirmen ihre Impfstoffe niemals mit spitzen Nadeln bewerben oder Testmaterialien mit unangenehm aussehenden Rachenabstrichen. Aber vor allem Politiker sind angehalten, sich auf Augenhöhe mit der Bevölkerung zu begeben. Schon Christian Kern behauptete, dass Politik zu 95 Prozent aus Inszenierung besteht. Nun ja, diese Zahl scheint etwas zu hoch gegriffen und eher der Frustration des ehemaligen Regierungschefs der letzten Großen Koalition geschuldet zu sein. Die Erkenntnis darauf hätte auch lauten können: Streit schädigt das Vertrauen ebenso wie schlechte PR. Daher hat der wendige Wiener Bürgermeister nun mit dem Ende des parteipolitischen Hickhacks den Weihnachtsfrieden ausgerufen. Wir sind gespannt, ob er bis zum Heiligen Abend durchhält.
Schon Christian Kern behauptete, dass Politik zu 95 Prozent aus Inszenierung besteht.
In der Produktion von inszenierten Bildern war Schwarz-Blau I unter Wolfgang Schüssel bisher einsame Spitze. Die in ganz Europa wegen der Beteiligung der Haider-FPÖ isolierte Regierung fütterte Boulevard und Bevölkerung mit Zoobesuchen, Liederabenden und Eisstockschießen. Höhepunkt war 2006 das gemeinsame Eröffnen von Sparbüchern bei der in Schieflage geratenen BAWAG. In die Kameras lächelten damals Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) mit seinem Vize Hubert Gorbach (BZÖ) ebenso wie Nationalratspräsident Andreas Khol (ÖVP) und Gewerkschaftschef Rudolf Hundstorfer (SPÖ). Die beiden Großmeister der politischen Inszenierung, BZÖ-Chef Jörg Haider und Finanzminister Karl-Heinz Grasser, durften natürlich nicht fehlen.
Ein Stück österreichische Zeitgeschichte, dass einem in diesen Tagen einfällt, weil einer ihrer Hauptprotagonisten wieder ins Rampenlicht rückte, wenn auch unfreiwillig. Grasser drohen nach langen Jahren Ermittlung und Prozess noch längere acht Jahre Haft. Doch unbeirrt hält er an der Inszenierung als Opfer der linken Jagdgesellschaft mit supersauberer Weste fest. Die Show muss immer weitergehen.
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