Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Lernen, arbeiten, einkaufen, abwarten

Politik / 30.10.2020 • 23:15 Uhr

Erinnern Sie sich zurück? Als vor etwas mehr als einem Monat das Robert-Koch-Institut Vorarlberg als Risikogebiet einstufte, war nach der ersten Ernüchterung für viele klar: in wenigen Wochen haben wir uns unter die 50er-Inzidenz zurückgekämpft, keine Frage! “Unser gemeinsames Ziel ist es, die Fallzahlen möglichst schnell und nachhaltig zu senken”, betonte Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) damals. Heute liegen die Infektionszahlen im Bezirk Dornbirn um Faktor 10 höher, in ganz Vorarlberg schnellen die Zahlen nach oben. Ziel deutlich verfehlt. Übrigens in ganz Europa, nicht nur in Vorarlberg.

Es geht längst nicht mehr nur um die Wintersaison oder nur um den Tourismus. Es geht um unser aller Gesundheit, um unsere Arbeitsplätze. Viel steht auf dem Spiel, vor allem, wenn die Anzahl der Neuinfizierten weiterhin so ungebremst explodiert. Mit Vernunft und Eigenverantwortung allein kommt man hierzulande offenbar genau bis dahin, wo wir jetzt stehen. Und sehr weit ist das nicht.

Wie wird also dieser Lockdown werden? Die eigenen Privaträume nur aus wenigen Gründen zu verlassen, das kennen wir aus dem Frühjahr. Nun wird es aber halb so schlimm: die Ausgangssperre ist nur mehr in der Nacht vorgesehen. Tagsüber soll weiterhin gelernt, gearbeitet, eingekauft werden.

Die wirtschaftlichen Folgen des November-Lockdowns werden einzelne Branchen, vor allem die Gastronomie und den Tourismus erheblich treffen, in manchen Fällen existenziell. Das deutsche Modell, bis zu 75 Prozent des 2019er-Novemberumsatzes zu erstatten, klingt bestechend einfach. Damit die Arbeitslosigkeit kein exponentielles Wachstum erlebt, muss die Regierung in schnelle Unterstützungsmaßnahmen investieren. Wer die Kunst, Gasthäuser, Tourismus abdreht, muss mit unmittelbarer, ernstzunehmender Hilfe bereitstehen, andernfalls Hunderttausende Arbeitsplätze in Österreich vernichtet werden. Wie konnte es soweit kommen, dass die Verantwortlichen den Überblick verloren haben? Im Fall einer positiven Testung muss eine Liste mit engen Kontakten abgegeben werden. Diese Listen waren zuletzt viel zu lang, weil ein Großteil der Bevölkerung nach wie vor mit zu vielen Menschen engen Kontakt hatte. Als Kontaktperson ersten Grades (K1) eines Infizierten gilt grundsätzlich, wer sich länger als 15 Minuten näher als zwei Meter gekommen ist, längere Passagen ohne weitere Schutzmaßnahmen wie Maske im selben Raum verbracht hat. Vermeiden wir also im Alltag, dass wir im Fall einer Infektion eine zweiseitige Liste mit lauter K1-Kontakten abgeben müssten – und alles wäre gut. Wer selbst darauf achtet, den ganzen Tag über Fremde, Bekannte, aber auch Arbeitskollegen nicht in K1-Verlegenheit zu bringen, der hilft aktiv mit, die zweite Welle zu brechen.

Um durch die zweite Welle zu kommen, deren Heftigkeit unsere erste Bekanntschaft mit Corona im Frühling wie ein laues Lüfterl ausschauen lässt, muss der Staat Sicherheit in äußerst unsichere Zeiten bringen. Dazu braucht es zuallererst verlässliche Informationen und ein Ende der politischen Taktiererei. Kein parteipolitisch motiviertes Gepokere, ob etwas besser der zuletzt unglücklich agierende grüne Gesundheitsminister verkauft oder doch der Kanzler höchstselbst. Keine Pressekonferenz, in der nichts anderes als eine weitere Pressekonferenz angekündigt wird, obwohl zwischenzeitlich ein jeder Spatz im Land vom Dach pfeift, was am Samstagnachmittag an Maßnahmen verkündet werden wird.

Sagen, was ist. Wir vertragen die Wahrheit auch ohne Salami-Taktik, sind schließlich erwachsen.

Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.
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Twitter: @gerold_rie