Das war das schwarz-rote Duell um Bregenz

Politik / 21.09.2020 • 20:30 Uhr
Das war das schwarz-rote Duell um Bregenz
VN-Chefredakteur Gerold Riedmann und Marc Springer (VOL.AT) führten durch die finale Diskussion zwischen dem amtierenden Bürgermeister Markus Linhart (3. v. l.) und Herausforderer Michael Ritsch.  VN/LERCH

Emotionaler Schlagabtausch zwischen Markus Linhart (ÖVP) und Michael Ritsch (SPÖ).

Schwarzach Drei Mal hat er die Wahl zum Bürgermeister von Bregenz verloren: 2005, 2010 und 2015. Nun versucht es Michael Ritsch (SPÖ) noch einmal. Der 52-Jährige geht am kommenden Sonntag in die Stichwahl gegen den amtierenden Bürgermeister Markus Linhart (60, ÖVP). Im Vorfeld des Bürgermeister-Duells um die Landeshauptstadt luden VN.at, VOL.at und Ländle TV zur Diskussion nach Schwarzach. Linhart hatte bei der Gemeindewahl am 13. September in der Direktwahl 43,2 Prozent der Stimmen erhalten, sein Herausforderer Ritsch kam auf 34,5 Prozent. 

Herr Ritsch, was kann der Bürgermeister denn sehr gut?

Ritsch Er kann vermutlich vieles sehr gut, sonst wäre er nicht seit 22 Jahren Bürgermeister. Die Frage ist, ob er es immer noch gut kann. Wir erleben seit vielen Jahren Zeiten, in denen in Bregenz nichts vorwärts geht. Es gibt sicher Projekte, wie zum Beispiel der Kornmarktplatz, die gut gelungen sind. Vieles aber zu wenig und zu spät.

Herr Linhart, was ist Herrn Ritsch gut gelungen?

Linhart Ich glaube, dass Michael Ritsch durchaus seine Stärken hat. Wenn ich zurückblicke auf die vergangenen Jahre in Bregenz, dann freut es mich, dass die Stadt ein vollkommen neues Antlitz bekommen hat und dass es uns gelungen ist, die Menschen mit auf diesen Weg zu nehmen. Das ist auch der Grund, warum zum Beispiel der Kornmarktplatz etwas länger gedauert hat. Gut 20 Jahre haben wir diskutiert, und im Rückblick war das auch richtig so, weil ein öffentlicher Raum verdient es, dass sich jeder Einzelne dort wiederfindet.

Stichwort Bahnhof: Warum ist der neue Bahnhof als Mobilitätsdrehscheibe so wichtig und wie nachhaltig ist er geplant?

Linhart Es gibt zentrale Themen, die in Bregenz besonders im Vordergrund stehen, unter anderem die Mobilität. Ich freue mich, dass wir beim Bahnhof nun an der Ziellinie stehen. Es sind alle Verträge mit den relevanten Partnern – Bundesbahn und Land – unter Dach und Fach. Ich möchte davor warnen, dieses Projekt infrage zu stellen, weil wir dann wieder in einen mehrjährigen Diskussionsprozess einsteigen und Stillstand haben.

Ritsch Vor 15 Jahren habe ich das erste Mal gegen Linhart kandidiert, mittlerweile bin ich 25 Jahre Stadtrat und habe eine gewisse Erfahrung. Nichtsdestotrotz habe ich eine Vision für Bregenz. Seit 22 Jahren erlebe ich Ankündigungspolitik à la Linhart. Man macht denselben Fehler wie vor 30 Jahren: Was jetzt kommen soll, ist derselbe Bahnhof am demselben Standort mit derselben Straßenführung, die heute nicht mehr berechtigt ist. Ich möchte nicht, dass für 80 Millionen Euro etwas realisiert wird, das eine Bahn-und Straßeunterflurlösung für die nächsten Jahrzehnte verhindert. Ich hätte gerne die Chance zu zeigen, was geht, und nicht immer nur zu hören, was nicht geht.

Wieso funktioniert die Straßenführung nicht anders?

Linhart Alle Experten kommen zu dem Schluss, dass eine Unterflurlösung nicht funktioniert. Der Platz und die Rahmenbedingungen erlauben das nicht. Jeder in Bregenz träumt davon, dass man ohne Auto und Bahn zum See kommt, das kann ich verstehen. Was ich dabei vermisse, ist die Ehrlichkeit. Es ist falsch, den Menschen etwas zu suggerieren, das nicht funktionieren kann. Das Thema Bahn ist eine ganz andere Sache.

Herr Ritsch, der Bürgermeister meint, Sie seien unehrlich?

Ritsch Im Hintergrund von „Vision urbanes Leben Bregenz“ sind 20 Experten. Man hat die große Unterflurlösung, die diese Experten vorschlagen, nie geprüft. Wenn es uns gelingt, von der Quellenstraße bis zum Postamt 900 Meter die Straße unterflur zu führen, dann haben wir ein finanzierbares und realisierbares Projekt. Wenn es gelingt, dass ich Bürgermeister werde, dann wird sich ein großer Teil innerhalb der ÖVP-Vertreter bereit erklären, an dieser Zukunft für Bregenz mitzuarbeiten. 

Wie sieht denn die Seestadt in fünf Jahren aus?

Ritsch Ich glaube, dass die ersten Umsetzungsschritte in fünf Jahren und in zehn Jahren die große Vision realisierbar lassen werden. In zehn Jahren ist die Straße unterflur und das Areal so gebaut, dass es funktioniert. Auch die Bahnunterflur kann in Zukunft kommen. Mein Antrieb ist, zu beweisen, dass es geht.

Linhart Ich gehe davon aus, dass im Herbst 2021 die ersten Baumaßnahmen für den Bahnhof umgesetzt werden können. Damit können wir einen wichtigen Akzent beim Thema Mobilität setzen. In der Seestadt selber sehe ich eine städtische Nutzung, einen Mix aus Einkaufen, Wohnen und Arbeiten. Die Idee einer Universität wäre eine tolle Sache. An solchen Ideen darf man dran bleiben, aber ohne den Realismus zu verlieren. VN-MIH

Analyse des Stichwahl-Duells: Auf zum letzten Gefecht

Schwarzach Es war das erste Mal in der Reihe der Stichwahl-Duelle, dass sich ein richtiges Streitgespräch entwickelte. Darüber waren sich Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle, Journalist Moritz Moser und der frühere ORF-Landesdirektor Wolfgang Burtscher bei der anschließenden Analyse der Stichwahl-Diskussion einig. „Völlig logisch und taktisch richtig ist Michael Ritsch die Sache attackierend angegangen“, beobachtete Burtscher. Allerdings habe er dabei wenig neue Argumente für das Thema Bahnführung gebracht. Dem Bürgermeister habe dies das Kontern einfach gemacht. „Es fällt im vierten Wahlkampf schwer, noch etwas Neues herauszukramen. Der Bürgermeister muss sich schon fragen lassen, warum der Bahnhof und die Seestadt genauso aussehen wie an dem Tag vor 22 Jahren, als er Bürgermeister wurde“, analysierte Moser. Trotzdem habe Amtsinhaber Markus Linhart einen guten rhetorischen Lauf gehabt. „Auf jede Attacke folgte eine Gegenattacke.“

„Die Diskussion war sehr lebendig“, lautet das Fazit von Kathrin Stainer-Hämmerle, wenngleich sie auch die Themenvielfalt vermisst hat. 30 Minuten lang stand die Seestadt im Mittelpunkt der Debatte. „Wenn die beiden Moderatoren nicht versucht hätten, am Schluss noch etwas anderes als Bahnhof und Bahntrasse ins Spiel zu bringen, wäre es wohl bei diesem einen Thema geblieben.“

Moritz Moser und Wolfgang Burtscher analysierten im VN.at-Wahlstudio.
Moritz Moser und Wolfgang Burtscher analysierten im VN.at-Wahlstudio.