Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

In der Nähe so fern

Politik / 01.09.2020 • 08:00 Uhr

So ein Wahlkampf hat viel mit Nahkampf zu tun, natürlich in zivilisierter Form. Politikmenschen, die wahlweise engagiert Kinder oder Hunde streicheln, Hände schütteln, sich für Selfies mit ihrem Volk zusammenkuscheln, es ist ein Job mit viel Körperkontakt. Nur nicht mitten in der Corona-Pandemie. Vor der Wien-Wahl am 11. Oktober werden wir erstmals etwas Neues erleben: Wahlkampf auf Distanz.

Ob mit dem obligaten und schon etwas enervierenden Ellbogen-Gruß oder dem eleganten Vulkanier-Gruß (Mr. Spock hat so gegrüßt, Sie erinnern sich), auf die Art kommt nicht einmal eine fragile Vertrautheit zwischen Politik und Wählerschaft auf. Bleiben vor allem die unzähligen Fernseh-Auftritte vor der Wahl, um sich ein Bild von den antretenden Persönlichkeiten zu machen.

Das Ringen um Nähe trotz Distanz beschäftigt ja nicht nur das Wiener Rathauspersonal, es zieht sich seit dem Beginn der Corona-Ausnahmesituation durch alle Bereiche des Lebens. Und damit meine ich nicht die Zwangspause der oberflächlichen BussiBussi-Kultur im Gesellschaftsleben, die ich zumindest gar nicht vermisse. Doch man kann noch gar nicht abschätzen, welche zwischenmenschlichen Probleme entstehen können, wenn man die Nähe und den Austausch mit anderen wegen des Virus meidet – man hat schon den Eindruck, manche fürchten sich richtiggehend vor ihren Mitmenschen. Der Sicherheits-Abstand zu jenen, die uns wichtig sind, zu den Freunden, den Freundinnen, aber vor allem auch zu den Großeltern, den Eltern, fällt uns immer schwerer.

Nähe ist ein Erfolgsfaktor

Im Berufsalltag vieler kann man das Nähe-Distanz-Problem natürlich bis zu einem gewissen Grad auflösen. Videocalls lassen die traditionelle Sitzungskultur alt aussehen, die Möglichkeiten der Digitalisierung werden endlich in Betrieben und Institutionen vernünftig genutzt. In der Ferne so nah, das reicht für manche Kontakte jedenfalls aus. Doch der Austausch mit anderen, die Diskussionen, die einen oft wirklich weiterbringen, fallen aus. Das kann nicht nur gruppendynamisch schwierig werden, sondern auch zu inhaltlichen Missverständnissen, Fehlleistungen und schlechterer Leistung führen. Nähe und direkter Austausch sind auch Erfolgsfaktoren, wenn man mit anderen zusammenarbeitet und keine berufliche Ein-Frau- oder Ein-Mann-Armee ist.

Wenn die Pandemie irgendwann bewältigt sein wird, bleiben wohl viele angeschlagene menschliche und berufliche Beziehungen zurück.

Wenn die Pandemie irgendwann bewältigt sein wird, bleiben wohl viele angeschlagene Beziehungen zurück, die man wieder aufbauen muss; andere, die man nicht mehr kitten kann; die Erfahrung, dass Nähe und intensive Kommunikation mit Skype und Co. nur bedingt herstellbar sind. Und es bleibt hoffentlich die dauerhafte Erkenntnis, dass eine spontane Umarmung manchmal einen großen Wert haben kann.