Herzstillstand: Sandras bewegende Rückkehr ins Leben

Dramatische Rettung: Nach einem Herzstillstand in der Schule musste Sandra Tiefnig sich ein neues Leben erkämpfen.
Bregenz Der 13. November 2012 war für Sandra Tiefnig (heute 32) ein Schicksalstag. An diesem Tag hörte ihr Herz während des Schulunterrichts zu schlagen auf. “Ich wurde bewusstlos.” Zwei Schülerinnen aus der Nebenklasse, die Rettungssanitäterinnen sind, wurden zu Ersthelferinnen. “Sie begannen sofort mit der Reanimation. Die Rettung traf schnell ein. Auf dem Weg ins Krankenhaus wurde die damals 19-Jährige von der Notärztin 27-mal defibrilliert. Sie gab mich nicht auf.”
Im Spital kam es zu weiteren Komplikationen. Sandras Herz schlug zwar wieder, doch sie drohte innerlich zu verbluten. “Die Herzdruckmassage, die mich zurück ins Leben holte, war so gewaltig, dass meine Lebervenen rissen.” Die Ärzte mussten ihren Bauch öffnen und ihre Leber nähen. “Um mich nicht doch noch zu verlieren, gaben sie mir literweise fremdes Blut.” Zwei Tage später musste Sandra erneut notoperiert werden, weil die Nähte nicht hielten. “Als wäre das nicht genug, bildete sich kurz darauf eine Thrombose in meiner großen Hohlvene.”

Drei Wochen lag Sandra auf der Intensivstation. “Als ich aus dem künstlichen Koma erwachte, ging das Drama weiter.” Sie wusste nicht mehr, wer sie ist. “Ich war eine Frau ohne Vergangenheit. Alle Erinnerungen von früher waren wie ausgelöscht. Meine Kindheit, meine Jugend – alles weg.” Auch ihre Eltern, die an ihrem Bett wachten, erkannte sie nicht. “Für mich waren es fremde Menschen.”
Die Kärntnerin musste das Leben von Grund auf neu lernen. “Ich war zurückgeworfen auf den Status eines Neugeborenen. Ich konnte nicht mehr sprechen, gehen, lesen und schreiben. Das musste ich alles neu erlernen.” Für Sandra fühlte sich das wie ein Alptraum an. “Alles, was früher selbstverständlich war, war nun ein gigantisches Hindernis.”

Doch die junge Frau gab nicht auf. “Ich kämpfte mit Zähnen und Klauen, um mir mein Leben zurückzuholen.” Aber auf ihrem Weg zurück ins Leben kam es zu Rückschlägen. Im Dezember 2012 wurde ihr ein Defibrillator implantiert. “Jetzt war ein kleiner Computer in meiner Brust, der jeden meiner Herzschläge analysierte und bereit war, mit einem Stromschlag einzugreifen, falls die tödliche Stille zurückkehren sollte.” Mit diesem kleinen Gerät, das fortan über Tod und Leben entscheiden sollte, fühlte sie sich sicher.
Doch fünf Jahre nach ihrem Herzstillstand – Sandra stand kurz vor ihrer Lehrabschlussprüfung als Drogistin – passierte etwas, das sie aus der Bahn warf. “Wegen eines Defekts am Kabel meines Defibrillators löste das Gerät aus. Es war, als würde mir ein Pferd mit voller Wucht gegen den Brustkorb treten. Ein brennender, vernichtender Stromschlag, der durch jede Faser meines Körpers jagte und mir die Luft zum Atmen nahm.”

Sandra verlor das Vertrauen in ihren Körper und in ihren Lebensretter. Sie rutschte in eine Depression. “Ich verkroch mich in meinem Zimmer.” Die junge Frau wusste, dass sie Hilfe brauchte. “Ich meldete mich für eine zweite Reha an. Dieses Mal musste ich nicht meine Beine trainieren, sondern meine Seele heilen.” Nach der Reha fühlte sie sich wieder stärker. “Ich wechselte das Fachgebiet und machte den Abschluss im Einzelhandel. Die Prüfung bestand ich mit Auszeichnung.”
Im Jahr 2018 nahm das Leben der heutigen Telefonistin eine positive Wendung. “Ich zog zu meinem Freund nach Vorarlberg. Ich hatte ihn im Rehazentrum kennengelernt.” Mit ihm traten auch zwei Kinder in ihr Leben. “Ich liebe seine Kinder, als wären sie meine eigenen.” Eigenen Nachwuchs möchte Sandra nicht. Denn: “Es wäre möglich, dass ich meine Herzrhythmusstörungen vererbe. Ich will nicht, dass mein Kind dasselbe durchmacht wie ich.”

Sandra Tiefnig hat ein Buch über ihr Leben geschrieben. “Das Mädchen ohne Gestern – wie ich alles vergaß und mich selbst neu fand” ist im Internet erhältlich.