Am liebsten chillen?

Die nächste Generation ist faul, verblendet, digital verseucht und will eigentlich gar nicht mehr arbeiten. Völlige Wohlstandsverwahrlosung, die Augen schon fast quadratisch dank Smartphone in der Muttermilch. Echt jetzt?
Haben Sie sich schon bei diesen Gedanken erwischt? Dann sind Sie vermutlich aus der Generation der Babyboomer (Baujahre 1945 bis 1960) oder Generation X (1961 bis 1980), was man vermutlich im mittleren Alter bezeichnen könnte. Sie waren die vordigitalen Generationen. Das Klischee, die Kids seien faul, wollen nichts mehr leisten, geschweige denn arbeiten, ist eines, das sich bis in die Antike finden lässt. Wunderbar, vielleicht ein wenig moderner, kann man Zeitungsartikel seit dem Jahre 1894 bis ins Jahr 2022 finden, in denen behauptet wird, keiner wolle mehr arbeiten. Es zerfällt also schon seit 130 Jahren der Arbeitswille. Komisch – ist die Wirtschaft doch stetig gewachsen. Wir unterstellen also der Generation nach uns prinzipiell immer eine Verdummung, Faulheit und Unterlegenheit – aber warum ist das so? Vermutlich liegt es daran, dass wir wissen, dass die Kids uns eines Tages überholen werden. Deswegen werden sie mal präemptiv runtergemacht – sicher ist sicher. Eines Tages sind wir alle nur mehr Touristinnen und Touristen in der Welt der nächsten Generationen, deswegen verschaffen wir uns einen Startvorteil, solange dieser noch hält. Vor allem in der Arbeitswelt ist dieser durchgehende Generationskonflikt spürbar. Denn in der Regel stellen die älteren Generationen die jüngeren an. Ist ja auch gut so, wer viel Erfahrung in einer Branche hat, darf die Entscheidungen treffen. So funktionierte das sehr lange, sehr gut. Nun aber gibt es eine kleine Veränderung namens Digitalisierung und massiver technologischer Fortschritt. Durch diese fühlen sich viele umso schneller abgehängt, während sich die jüngeren Generationen ratzfatz an neue Technologien anpassen.
Boomer: Congratulations, ihr habt es geschafft! Bald steht für den Großteil die lang ersehnte Pensionierung bevor. Der Name eurer Generation leitet sich aus den hohen Geburtsquoten nach dem Zweiten Weltkrieg ab, es gab verdammt viele von euch, und ihr habt hart gearbeitet, um die Welt nach der fast völligen Zerstörung neu aufzubauen. Ihr wart mit Anfang zwanzig mit der Ausbildung fertig, und gleich ging es ab ins Berufsleben. Die Ansprüche waren hoch, die Vorgängergenerationen wirkten mit einer ziemlich militärischen Arbeitsmoral auf euch ein. Aber euch wurde von Anfang an auch das Ende des Leids in Aussicht gestellt. Zwar würdet ihr eure Kinder nicht ganz so viel sehen, immer erst zum Abendessen heimkommen, aber dann hatte die liebe Frau schon gekocht. Das war die Realität der Arbeitswelt eurer Eltern, die sie euch vererben wollten. Zum Glück war euch dieses Bild etwas zu regressiv, und ihr habt rebelliert, worauf ihr bis heute verdammt stolz seid – 68er-Bewegung und so. Was Frauenrechte anging, habt ihr damals ordentlich was bewegt, auch für die Nachhaltigkeit habt ihr euch eingesetzt. Die Unterstellung, dass die jungen Generationen zu individualistisch und faul seien, habt auch ihr euch damals anhören müssen. Ihr wart die erste „Me-Generation“. Aber ihr wart die acht Stunden am Tag auf der Arbeit, und es ging ordentlich was voran. Die Welt des Wohlstands des 21. Jahrhunderts habt ihr mit eurer harten Arbeit geschaffen, aber eben auch die Arbeitskulturen, die jetzt hinterfragt werden.
Generation X: In euch hatte man ungefähr so viel Hoffnung wie in die jüngsten Generationen der Gegenwart. Ab 1961 bis 1980 geboren, habt ihr den Wirtschaftsaufschwung der Boomer gut mitverfolgen, aber nicht unbedingt davon zehren können. Euer Motto: Kopf runter, hart arbeiten – es wird sich schon bald lohnen. Die ganzen Führungsposten, auf denen die Boomer sitzen, werden nun bald frei – und ihr werdet sie kriegen und entscheiden wie gut wir vom Industriezeitalter ins Kreative/Informationszeitalter kommen. Ihr werdet entscheiden müssen, wie wir flexible Arbeitszeiten, Homeoffice, Sinn und Diversität ordentlich in der Arbeitswelt verankern. Ihr werdet auch lernen müssen, ein bisschen loszulassen, nicht die Führungswelt der Vorgenerationen direkt übernehmen und Vertrauensvorschüsse geben, um den Wandel der Arbeitskultur zu ermöglichen.

Generation Y: Am Arbeitsmarkt reißen sich alle um uns, denn wir sind die erste Generation der Digital Natives. Der oder die 1981 bis 1994 Geborenen hatte in seiner oder ihrer Kindheit häufig noch einen Walkman, aber dann ging es schon schnell über den Discman in Richtung iPod & Computer. Der Grund, warum die Arbeitswelt jetzt gerade so dringend nach uns verlangt, ist vermutlich dieser – unsere digitale Kompetenz. Dabei ist das gar nicht unsere ureigene große Stärke, sondern der Fakt, dass wir die modernen Arbeitsformen, mit denen die älteren Generationen überfordert sind, schon viel länger wollen. Vor unserem geistigen Auge haben wir die Welt von morgen, wenn es um Work & Life geht, schon längst durchgespielt. Geträumt vom Homeoffice oder der Viertagewoche. Es wurde uns damals aber verwehrt, weswegen wir jetzt umso härter zeigen werden, warum es damals, und jetzt noch mehr, eine gute fucking Idee ist.
Generation Z: Diese Generation ist nun endgültig digital verseucht. Generation TikTok, keine Aufmerksamkeitsspanne, am liebsten nie arbeiten, sondern Influencer werden und chillen. Man kennt die Klischees. Dabei ist die ab 1995 geborene Generation nicht einfach nur Generation Y auf Crack, sondern durchaus etwas vorsichtiger. Sie haben gesehen, wie wir mit unserer weichen WorkLife-Revolution gescheitert sind, und sind dadurch pragmatischer geworden. Vor allem, weil sie von so vielen Krisen geprägt worden sind, haben sie auch ein anderes Sicherheitsbedürfnis. Bankenkrise 2008, gefolgt von Flüchtlingskrise, Pandemie, Krieg und dem buchstäblichen Dauerbrenner Klimakrise. Hinzu kommt: Wenn man am Monatsende jeden Cent umdrehen muss, obwohl man der Generation mit den meisten höheren Abschlüssen angehört, kann man schon mal auf die Straße gehen und rebellieren. Das klappte für diese Generation schon beim Thema Klima. So wird es sich, sollte sich nichts ändern, auch bei dem Thema Arbeit und Wohlstand wiederholen. Denn sich global und digital vernetzen und auf die Straße gehen, um den Status quo zu hinterfragen, das kann die Generation Z verdammt gut.
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