“Die miromente möchte und kann nicht laut sein”

Kultur / 06.02.2026 • 13:15 Uhr
Pressekonferenz: Susanne Denk, Wolfgang Mörth, Hubert Dragaschnig, Katharina Leissing
“Die miromente kann man nicht scrollen, nicht wischen und nicht liken, nur lesen und abonnieren”. hartinger

VN-Interview mit Wolfgang Mörth, Medieninhaber, Herausgeber und Chefredakteur.

Die Literaturzeitschrift miromente erscheint seit dem Herbst 2005, entstanden aus dem Bedürfnis heraus, auch in Vorarlberg eine regelmäßig erscheinende Plattform für literarische Texte zu schaffen. Medieninhaber, Herausgeber und Chefredakteur in Personalunion ist Wolfgang Mörth.

Wie klar war Ihnen damals das Bedürfnis, auf das dieses Projekt eine Antwort sein sollte?

Zuerst einmal glaubten wir, ein Bedürfnis der Leserinnen und Leser nach einem unmittelbareren Kontakt zu zeitgenössischer Literatur zu erkennen, vor allem zur Literatur Vorarlberger Autorinnen und Autoren. Diesen Kontakt wollten wir herstellen und das ist uns, denke ich, gelungen.

Zum ursprünglichen Redaktionsteam gehörten Kurt Bracharz, Daniela Egger, Ulrich Gabriel und Sie selbst. Welche unterschiedlichen literarischen Haltungen oder Temperamente haben diese Anfangsjahre geprägt?

Es würde zu weit führen, hier die einzelnen Persönlichkeiten zu charakterisieren. Ich sage nur so viel: Unsere Haltungen waren sehr unterschiedlich. Und es waren genau diese Unterschiede, von denen die ersten Jahre geprägt waren, und zwar auf eine, wie ich meine, fruchtbare Art. Die Bandbreite reichte von realistisch, über dadaistisch und satirisch bis poetisch.

Gibt es etwas, das Sie als einen inneren Ton oder als grundlegende Haltung der Zeitschrift beschreiben würden?

Ich finde es schön, wenn die einzelnen Ausgaben nicht nur inhaltlich, sondern auch formal vielfältig sind. Das heißt, wenn auf eine längere Erzählung, Gedichte folgen und danach ein paar Seiten mit Kurzprosa oder einem Dramolett. Und nicht zu vergessen, die bildnerischen Arbeiten jeweils einer Künstlerin oder eines Künstlers, die in jeder Ausgabe vertreten sind. All diese Elemente, zusammengeführt auf einem hohen qualitativen Niveau, ergeben wohl den Charakter dieser Zeitschrift.

Was muss ein Text haben, damit er für Sie interessant wird?

Ich persönlich bin gefesselt, wenn ich eine gewisse Dringlichkeit spüre. Die kann sich im Stoff äußern oder in der Sprache oder in einem besonderen Tonfall, am besten in allem gleichzeitig. Ich muss das Gefühl haben, da schreibt jemand nicht nur, weil er gerade nichts anderes zu tun hat oder ausprobieren möchte, was mit einer Tastatur alles möglich ist.

Sie haben einmal sinngemäß geschrieben, dass etwas dran sein müsse am Geruch von Papier, am Umblättern, an der sinnlichen Erfahrung des Lesens.

Das habe ich geschrieben, weil ich auf den Unterschied zwischen dem Umgang mit Büchern und dem mit elektronischen Unterhaltungsgeräten hinweisen wollte. Und auf den Umstand, dass es immer noch ein paar hundert Menschen gibt, die eine Literaturzeitschrift wie die miromente in die Hand nehmen und darin blättern wollen. Dann habe ich diese Tatsache noch zugespitzt auf den Satz: Die miromente kann man nicht scrollen, nicht wischen und nicht liken, nur lesen und abonnieren. Das heißt, die miromente ist ein physisches Objekt, das einen Geruch verströmt und das mit der Post ins Haus kommt. Ich denke, das sind Eigenschaften, die ein anderes Verhalten stimulieren als die Blicke auf einen Bildschirm.

Sehen Sie die miromente eher als Momentaufnahme ihrer Zeit oder als stilles Archiv erzählter Gegenwelten?

Für mich ist sie beides. Sie macht ein Fenster auf in die Werkstätten zeitgenössischer Autorinnen und Autoren, zeigt, wie sie literarisch auf das reagieren, was in der Welt passiert, egal, ob im Großen oder im Kleinen. Und sie ist ein Archiv, in dem die Veränderung dieser Reaktionen über einen langen Zeitraum sichtbar wird. Aber, was mir an dieser Frage besonders gut gefällt, ist der Hinweis auf das Stille, das diesem Projekt eigen ist. Überall schreit man uns die Botschaften ins Gesicht, die miromente möchte und kann nicht laut sein.

Ist Literatur für Sie heute eher ein ästhetischer Raum oder auch ein moralischer?

In seinen Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ behauptet Friedrich Schiller, dass der Weg zur Freiheit nur über die sinnliche Wahrnehmung des Schönen möglich ist. Freiheit, Vernunft und Sittlichkeit, das waren für ihn die Säulen einer harmonischen Existenz. Wer keinen ästhetischen Bezugsrahmen kennt, tut sich auch schwer, moralisch richtige Entscheidungen zu treffen, könnte man sagen. Aber das ist natürlich ein weites Feld.