Der undichte Bahnhof und das geparkte Grundstück

VN-Chefredakteur Gerold Riedmann über die Chance eines neuen Zentralbahnhofs für Bregenz.
Jedes Mal, wenn die Vorarlberger Journalistin Duygu Özkan (“Die Presse”) einen Heimatbesuch in Vorarlberg macht, fertigt sie ein Foto des Bregenzer Bahnhofs an. Genauer: von Kübeln im Bahnhofsgebäude. Denn seit Jahren tropft Regenwasser, das sich durch das undichte Dach gefressen hat, in grüne, rote, blaue Kübel. Einmal stand sogar eine Plastikmülltonne da, die den Regen im Gebäude auffangen musste.

Der Bregenzer Bahnhof ist eine Zumutung und muss neu gebaut werden. Dringend. Auf dem Grundstück nebenan, der sogenannten “Seestadt”, soll auch seit Jahrzehnten Neues entstehen. Doch die Diskussionen um Bahnhof und Seestadt drehen sich im Kreis. Mehrere Masterpläne, Projektgruppen und Architekturbüros wurden verschlissen und auch heute ist der Seestadt-Parkplatz inmitten von Bregenz eine klaffende Wunde der Stadtentwicklung, Vorarlbergs traurigster Parkplatz. Daneben: Vorarlbergs hässlichster Bahnhof.
Es ist ein bisschen kompliziert: Im Jahr 1990, als schon einmal in Bregenz der Bahnhof abgerissen wurde (er stand dort, wo heute der Seestadtparkplatz ist), bot die ÖBB das Grundstück der Stadt Bregenz an. Doch die stets klamme Landeshauptstadt konnte nicht kaufen. Und so wurde das Grundstück bei Illwerken und Hypobank geparkt, mit Mini-Anteil der Stadt. Etwas mehr als 15 Jahre lang, bis der Rechnungshof den Verkauf empfahl. Die Stadt wurde überrascht, gekauft hat Immo-Entwickler Prisma und die Messepark-Familie Drexel.

Das ursprüngliche Einkaufsstraßen-Projekt längst an den nicht abschätzbaren Baukosten gescheitert, zeichnete sich eine weitere Verlängerung des Stillstands an. Der Plan, auf der Seestadt einen provisorischen Container-Bahnhof während der Umbau-Phase zu errichten, hätte den Grund auf zehn Jahre oder mehr nicht nutzbar gemacht. So kam die Idee des Verkaufs des Grundstücks auf. Der Bürgermeister bekam im Sommerurlaub einen Anruf von Immo-Entwickler Ölz. Ritsch witterte die Chance.
- Die ÖBB könnten ihre 7000 Quadratmeter (dort, wo der alte Bahnhof jetzt steht) an Immobilienentwickler verkaufen, von der Stadt mit der entsprechend attraktiven Baunutzungszahl ausgestattet.
- Dafür kauft die ÖBB gemeinsam mit der Stadt das benachbarte Seestadt-Grundstück von Prisma/Drexel. Die ÖBB benötigen etwa 5000 Quadratmeter, den Rest könnte die Stadt mit Tauschgrundstücken stemmen.
Mit der Option auf das Filet-Grundstück ist plötzlich alles möglich – aber auch alles unsicher. Und Bürgermeister Michael Ritsch (SPÖ) ist dort, wo er sich am liebsten sieht: als Macher, der Festgefahrenes durcheinanderwirbelt. Wenn nun die vielen Bälle, die in der Luft sind, an der richtigen Stelle aufgefangen werden, könnte Bregenz einen tatsächlichen Zentralbahnhof bekommen. Mittendrin.

Jetzt ist es hoch an der Zeit, klar zu formulieren, was die Stadt wünscht. Wo der Bahnhof endgültig stehen soll. Und dann einen Zug zum Tor zeigen.
Für alle Stadtplaner und Architekten heißt es im Bregenzer Bahnhofs-Monopoly vorerst: gehen Sie zurück auf Los. Und für alle Fahrgäste am alten Bregenzer Bahnhof auch in diesem Winter: gehen sie weiterhin an den traurigen Tropf-Kübeln vorbei.