Rennsau mit Glotzauge

Motor / 15.08.2014 • 15:18 Uhr
BMW S 1000 R in Aktion: Sie schiebt und schiebt und schiebt . . . Fotos: BMW
BMW S 1000 R in Aktion: Sie schiebt und schiebt und schiebt . . . Fotos: BMW

Keine klassische Schönheit, aber allerfeinste Motorradtechnik rollt da aus Berlin an.

BMW. Schön ist das nicht gerade, was die Ingenieure im BMW-Werk in Berlin Spandau da zusammenschrauben. Das Heck ragt viel zu keck in die Höhe, vorne schaut das neue Naked Bike von BMW in die Welt wie Marty Feldman, wenn er ein Auge zukniff.

„Wir bleiben damit unverwechselbar“, beteuert Chefdesigner Edgar Heinrich. Aber nur keine Sorge: Die BMW S 1000 R bleibt beileibe nicht aufgrund ihrer äußeren Erscheinung in Erinnerung.

Alles neu macht BMW

Es wäre ja ein Leichtes gewesen, die Supersportlerin S 1000 RR einfach zu entkleiden und ihr einen breiten Lenker anzutun. Voila, da stünde es, das neue Naked Bike. Aber so sind die Bayern nicht. Stattdessen haben sie einen neuen Motor in ein neues Fahrwerk gesteckt und lehren so die Konkurrenz aus Fernost ganz schön das Fürchten.

Es gibt beim Motorradfahren ja alles: Das mühselige Bugsieren schwerer Elefanten um die nächste Kurve, die Nervosität hochgezüchteter Zweitakter, die sich wie ein Schwarm Hummeln vibrierend auf den Fahrer überträgt. Das mitunter umständliche Balancieren hochbeiniger Teile, aber auch die viel zu frühe Erkenntnis, dass da nichts mehr kommt.

Sehr selten und deshalb kostbar sind da jene Augenblicke, in denen einfach alles stimmt. Wenn das Bike sich herrlich leicht anfühlt, was bei 207 Kilo wirklich kein Wunder ist. Wenn der Motor mit seinen 160 Pferdestärken Kraft ohne Ende verspricht. Wenn man sich dank geglückter Ergonomik in den Sattel schwingt, als wäre man dort unmittelbar hineingeboren. Dann verselbstständigen sich Mensch und Maschine, und das Wechseln von einer Kurve in die nächste geschieht. Nichts wird erzwungen, nirgends nachgeholfen. Und wäre jeder Landstraße nicht ein natürliches Ende beschieden, es ginge ewig so weiter.

So ist die 1000er, und nach 14 Tagen will man sie gar nicht mehr zurückgeben. Obwohl es eben zu regnen beginnt. Aber die Bordelektronik der S 1000 R bietet ja abseits von „Dynamic“ und „Dynamic Pro“ auch noch den „Rainmodus“ an, der dem Triebwerk seine Spitzen bricht, ohne dass es dem Fahrspaß abträglich wäre.

Noch immer nimmt sie willig Gas an, und die Traktionskontrolle schluckt jede Unebenheit und jedes Rutschen einfach weg. Wer die S 1000 R­ bei Schönwetter und trockener Fahrbahn indessen im „Dynamic Pro“-Modus fährt, wird die ungebärdige Kraft der vier Zylinder erleben. Das schreit und faucht und blubbert und die BMW schiebt, als gäbe es kein Morgen.

Dass sie im Testmotorrad sogar einen Tempomaten verbaut haben, wirkt in der ersten Sekunde irgendwie befremdlich. Wer dann aber vor einem Polizeiauto durch eine Reihe kleiner Dörfer kurvt, nimmt die Hilfe dankbar in Anspruch. Die neue BMW ist bei all den Vorzügen nicht einmal teurer als vergleichbare Motorräder aus Fernost, das dürfte einige Unruhe in den Markt bringen.

Gut, sie hat ihre Grenzen. Wer riskiert schon gerne 250 km/h ohne Windschild oder fährt so einen Dampfhammer auch gern auf großer Fahrt. Aber das war’s dann auch. Ansonsten ist die BMW S 1000 R einfach klasse.

Positiv: Nie war die ganze Elektronik (ABS, Stabilitätskontrolle usw.) so prächtig abgestimmt.
Positiv: Nie war die ganze Elektronik (ABS, Stabilitätskontrolle usw.) so prächtig abgestimmt.
Negativ: Gut, auch der 2CV war schön, irgendwie. Die S 1000 R besticht eindeutig mehr durch innere Werte.
Negativ: Gut, auch der 2CV war schön, irgendwie. Die S 1000 R besticht eindeutig mehr durch innere Werte.

Fakten

Motor/Antrieb: Vierzylinder-Viertakt, Sechsganggetriebe, 999 ccm, 118 kW (160 PS) bei 11.000 U/min, Drehmoment 112 Nm bei 9250
U/min, Antrieb Kette

Fahrleistung/Verbrauch: Spitze 240 km/h, 5,6 l (Test: 5,7 l), Gewicht vollgetankt 207 kg, Tank 17,5 l, Reserve 4 l

Preis: 14.750 Euro