Die faszinierende Reise einer Künstlerin

Zwischen Keramik und Reisen: Bianca Tschaikner hat eine ganz eigene Kunstform für sich entdeckt.
Dornbirn Das Atelier ist versteckt, hinter Weiden mit Pferden und Kühen, herumlaufenden Hühnern und dichtem Efeu, das die Häuser verdeckt. Aber hat man es erst gefunden, empfängt einen eine freundliche, helle Atmosphäre.
Überall stehen Kunstwerke herum, manche sind fertig für den Verkauf, bei anderen fehlen noch Verarbeitungsschritte. Der große Tisch in der Mitte des Raumes lädt ein, Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel diejenige der Künstlerin:
In Marokko ausgeraubt
Während ihres Studiums macht Bianca Tschaikner ein Praktikum in Marokko. Das sollte die erste ihrer unzähligen Reisen sein, auf denen sie ihre Geschichten sammelt, die sie heute nach und nach auf Papier und Keramik bringt. Nach dem Praktikum kehrt sie nach Marokko zurück, beginnt dort für einen Drucker zu arbeiten. In dieser so völlig anderen Welt beginnt sie, Skizzenbücher anzufertigen. Ihr allererstes Skizzenbuch gibt es allerdings nicht mehr: Es wurde im Marrakesch-Express gestohlen. „Ich wurde ausgeraubt, meine Tasche wurde mir geklaut. Da war auch das Skizzenbuch drinnen. Das hat mich so geärgert, dass ich ein neues Skizzenbuch gemacht habe, das noch viel besser werden sollte. So habe ich eigentlich erst angefangen, ernsthaft zu arbeiten. Diesem Dieb bin ich sogar heute noch dankbar.“
Viele Jahre unterwegs
Sie macht sich als Illustratorin selbstständig, das erlaubt es ihr, während sie arbeitet weiter zu reisen. In Spanien und Italien studiert sie an verschiedenen Orten weiter. „In den letzten 14 Jahren war ich eigentlich immer unterwegs. Ich habe jahrelang aus dem Koffer gelebt. Ich habe die Welt erkundet und so meine Inspiration gefunden“, so die Künstlerin. In Indien geht die Geschichte weiter, Tschaikner erforscht die Mythologie eines matriarchalen Stammes, sie reist in den Dschungel. Sie zeichnet, was sie sieht, und lässt ihrer Hand freien Lauf. „Zu viel mit dem Kopf arbeiten, zu viel denken, das blockiert mich. Der kreative Fluss kommt woanders her. Das intuitive, fluide Arbeiten liegt mir.“
Keramikpartys
Die Corona-Pandemie überrascht Tschaikner in Indonesien. Die Botschaft rät ihr, das Land zu verlassen und so kommt sie zurück nach Vorarlberg. Während der Lockdowns beginnt sie mit Mitbewohnern „Keramikpartys“ zu machen. Sie findet Gefallen an dem Material und fängt an, damit zu arbeiten. Mittlerweile ist die Keramik auch zu ihrem liebsten Arbeitsmaterial geworden. Das Arbeiten mit dem Zufall, das unberechenbare Brennen der Produkte gefällt der Künstlerin. Während ihrer vielen Reisen hatte sie nicht genug Zeit, die erlebten Geschichten zu verarbeiten. Das tut sie jetzt alles in ihrer Kunst. Sie erzählt Geschichten und Schicksale, möchte die berührenden Erlebnisse ihrer Reisen teilen. Aber sie stellt auch jedem frei, ihre Bilder selbst zu interpretieren.
Der Zufall spielte wichtige Rolle
Auch wie sie ihr Atelier gefunden hat, ist eine eigene kleine Geschichte. Oder sollte man lieber sagen, wie das Atelier sie gefunden hat? Auf der Geburtstagsparty einer Bekannten lernt sie die Besitzer des Hauses kennen, in dem sie jetzt ihr Studio eingerichtet hat. Die Druckerpresse und der Ofen kamen ebenfalls durch Zufall zu ihr. Tschaikner hat sie geschenkt bekommen. Alles im Leben fügt sich. Das war dem Taschendieb im Zug vermutlich nicht bewusst.
Das Atelier kann in Dornbirn nach Terminabsprache besichtigt werden. Die Arbeiten findet man im Onlineshop und natürlich vor Ort, wo sie auch gekauft werden können. VN-HAS
„Zu viel denken, das blockiert mich. Der kreative Fluss kommt wo anders her.“



Zur Person
Bianca Tschaikner
Geboren 1985
Wohnort Dornbirn
Beruf Künstlerin
Website www.biancatschaikner.com
Kontakt bianca.tschaikner@gmail.com