Den Todeszeitpunkt vorhergesehen

Menschen / 19.09.2022 • 10:00 Uhr
Den Todeszeitpunkt vorhergesehen
Hund „Happy“ bringt Leben in Marions Haus. HRJ

Marion Bogner kümmert sich seit drei Jahrzehnten um alte und kranke Menschen.

BREGENZ Es ist schwer zu ertragen, ohnmächtig dabei zuschauen zu müssen, wie ein geliebter Mensch leidet und immer weniger wird. Bis er nicht mehr da ist. Seitdem ihr Vater nicht mehr da ist, ist es still in dem Haus, in dem Marion Bogner aufgewachsen ist und in das sie zurückkehrte, als der schwerkranke Vater nicht mehr allein zurechtkam. Sie hat ihn gepflegt. Bis er vor drei Monaten 80-jährig starb. Marion Bogner hat neben ihrem Vater viele alte und kranke Menschen bis zu deren Lebensende betreut. Dann ist sie selber krank geworden.

Die 60-Jährige Pensionistin sitzt am Küchentisch, den Kopf auf die Hände gestützt, und lässt Momente aus ihrem Leben Revue passieren. Eigentlich wollte sie Krankenpflegerin werden: „Darum habe ich mit 15 Jahren in einem Bregenzer Spital ein Ferialpraktikum gemacht.“ Für die Aufnahme in die Krankenpflegeschule war sie jedoch zu jung. Um die Zeit zu überbrücken, entschied sie sich für eine Ausbildung zur Kellnerin. Im dritten Lehrjahr wurde Marion Mutter von Sohn Manuel, worauf sie den Plan, Krankenpflegerin zu werden, verwarf.

Marion Bogner sitzt am Küchentisch und lässt Momente aus ihrem Leben Revue passieren.
Marion Bogner sitzt am Küchentisch und lässt Momente aus ihrem Leben Revue passieren.

Sie war 21 und arbeitete als Servicekraft in einem Bregenzer Restaurant, als ihr Großvater starb. Etwa eine Woche vorher fing es an mit den sensitiven Wahrnehmungen: „Ich hatte die Eingebung, dass das Leben meines Opas am 14. Jänner 1984 endet.“ Beunruhigt fuhr sie am 13. Jänner zu ihren Großeltern in den Bregenzerwald. „Am 14. haben wir zusammen zu Mittag gegessen. Um 17 Uhr war mein Opa tot.“

Marions Großmutter wurde daraufhin ein Pflegefall. „Damit sie nicht in ein Heim musste, holte ich sie zu mir nach Wolfurt, wo ich damals wohnte“, erzählt Marion. Nach deren Tod, zwei Jahre später, setzte sich Marion das Ziel, beruflich in der Altenbetreuung tätig zu werden. Sie begann damit 1988 – im Jahr nach der Geburt ihres zweiten Sohnes René – als Nachtbetreuerin einer betagten Frau. Neun Monate blieb sie bei ihr, bis die alte Dame verschied. Bald darauf entdeckte Marion ein Zeitungsinserat, in dem das Seniorenheim in Kennelbach eine Stellvertretung für die Heimleitung suchte. „Ich bewarb mich, und man entschied sich für mich.“ Sie ging auf in der Betreuung der Heimbewohner, musste aber den Job nach 19 Jahren wegen kaputter Bandscheiben aufgeben. Sie wechselte in die Versicherungsbranche. Wenig später wurde sie von einem Energetiker in der Schweiz als Assistentin engagiert. Bei ihm lernte sie die Arbeit mit bewusster Energie und damit ihre Sensitivität zu verstehen. Im Übrigen habe sie auch den Tod ihres Vaters vorhergesehen. Den an einer schweren Herzerkrankung Leidenden pflegte sie seit dem Tod ihrer Mutter im Herbst 2017. „Etwa eine Woche bevor der Papa starb, sah ich in meinen Gedanken, dass es am 18. Juni passiert“, erzählt Marion. So geschah es dann auch.

„Ich hatte die Eingebung, dass das Leben meines Opas am 14. Jänner 1984 endet.“
Marion Bogner, Pensionistin

Marion, die immer für andere da ist, musste sich auch schon durch eigene schwierige Lebensphasen manövrieren. Sie war 37, als sie mit der Diagnose Gebärmutterkrebs konfrontiert wurde. Nach der Operation hätte sie sich mit Bestrahlungen und Chemo weiter behandeln lassen sollen. „Ich weigerte mich“, stellt sie klar. „Daraufhin sagte der Arzt, wenn ich das nicht mache, sei ich in einem Jahr nicht mehr da. Ich antwortete: Das werden wir sehen.“

Schönste Momente

Den Krebs hat Marion besiegt. Aber da ist noch das Aneurysma an der Bauchaorta, das bei einer Routine-Untersuchung entdeckt wurde. Marion dazu: „Damit lebe ich.“ Lieber denkt sie an die schönsten Momente in ihrem Leben. Die Geburten ihrer Kinder Manuel und René zählen dazu. Und die Reise nach Puerto Rico vor vier Jahren. „Dort traf ich meine Jugendliebe Peter wieder und verbrachte mit ihm sechs wunderschöne Wochen“, schwärmt Marion Bogner, die nach drei Ehen seit 1999 dem Single-Dasein frönt. Einsam fühle sie sich nicht: „Dazu gibt es viel zu viel zu tun.“ Außerdem sittet sie hin und wieder „Happy“, den Hund von Susanne Marosch, der Obfrau der Leukämiehilfe Geben für Leben. Happy bringt Leben in Marions Haus: „Happy vertreibt die Stille.“

Wünsche? Ja. Zwei: „Dass die Kriege aufhören. Und dass jeder Mensch in seinem eigenen Land leben kann.“ Ihren Alltag richtet sie indes nach diesem Motto aus: „Du kannst dem Leben nicht mehr Tage geben, aber jedem Tag mehr Leben.“