Die Inkluencerin

Nicole Klocker-Manser übernimmt den Verein Integration Vorarlberg.
Dornbirn Das 30-Jahr-Jubiläum fiel 2020 Corona zum Opfer. Am 10. Juni 2021 wird die Feier mit einer Ausstellung im WirkRaum der Caritas in Dornbirn nachgeholt. Gleichzeitig übernimmt mit Nicole Klocker-Manser (37) eine neue Obfrau das Ruder beim Verein Integration Vorarlberg. Sie löst Claudia Niedermaier (66) ab, die diese Funktion neun Jahre interimistisch inne und eine der ersten Integrationsklassen im Land geführt hatte. Wie Irmgard Buck, Adriane Feuerstein und Reingard Rauch zählt auch Niedermaier zu den Pionierinnen in Sachen Integration bzw. Inklusion. Nicole Klocker-Manser arbeitet seit 2017 im Beirat des Vereins mit, nun steht sie bald an dessen Spitze. Die Unterstützung der Vorgängerinnen ist ihr aber gewiss, und das freut die Obfrau in spe: „So bleibt trotz Generationenwechsel viel Wissen erhalten, und für mich ist es eine große, riesige Stütze.“ Ihr Anliegen: Die Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen soll endlich Normalität werden. „Damit das gelingen kann, braucht es jedoch Offenheit“, betont die junge Frau.
Vielfache Bezüge
Das Thema begleitet Nicole Klocker-Manser schon von klein auf. „In der Nachbarschaft gab es ein Mädchen, das im Rollstuhl saß. Ich besuchte die erste Integrationsklasse in der Volksschule Bezau, war bei einem Jugendprojekt dabei, bei dem es um die Freizeitmöglichkeiten von Jugendlichen mit Beeinträchtigungen ging, ich absolvierte bei der Lebenshilfe ein freiwilliges soziales Jahr und arbeitete eine Zeit lang als Assistenz für eine Frau mit Behinderung“, listet die Damülserin ihren vielfältigen Bezug auf. Inzwischen ist sie auch Mutter eines Kindes mit Beeinträchtigung. Ihre erste Tochter Frida (9) wurde mit dem Williams-Beuren-Syndrom geboren. Dabei handelt es sich um einen Gen-Defekt auf dem Chromosom 7, dem, vereinfacht ausgedrückt, ein Stückchen fehlt. Die Folgen sind kognitive Beeinträchtigungen und gesundheitliche Probleme. Ursache unbekannt. „Eine Laune der Natur“, sagt Fridas Mutter, die sich damit aber auch erst zurechtfinden musste.
Nun möchte Nicole Klocker-Manser fortführen, was beherzte Eltern begonnen haben. „Es soll sich für alle etwas verbessern, niemand soll sich etwas erkämpfen müssen“, möchte sie Eltern ermutigen, den inklusiven Weg zu gehen, denn: „Es ist auf lange Sicht gesehen der beste Weg für unsere Kinder. Sie profitieren enorm von einem lebendigen Umfeld.“ Grundsätzlich habe aber jeder Mensch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Anerkennung. Dieses Bewusstsein will Klocker-Manser in der Gesellschaft schärfen, wobei ihr unter anderem der Freizeitbereich für Jugendliche mit Behinderung besonders am Herzen liegt. „Hier gibt es noch sehr wenige Angebote.“
Mut zu offenem Umgang
Die Bilanz ihrer Vorgängerin fällt ebenfalls durchwachsen aus. „Meilensteine in den 1990er-Jahren waren die Möglichkeit des gemeinsamen Unterrichts, zuerst in der Volksschule, dann in der Hauptschule“, berichtet Claudia Niedermair. Hier sei danach jedoch nur noch an kleinen Stellschrauben gedreht worden, bedauert sie. Als größtes Problem bezeichnet sie das Fehlen von Ressourcen und qualifiziertem Fachpersonal für die unterschiedlichsten Bereiche. Trotz widriger Rahmenbedingungen gelinge Inklusion aber in zahlreichen Schulen und Gemeinden: „An vielen Schulen werden Kinder mit Beeinträchtigung ganz selbstverständlich willkommen geheißen.“ Neben vielem anderen war auch die Einführung der Familienentlastungsgutscheine ein wichtiger Schritt.
Persönlich hat Nicole Klocker-Manser ihrem Anliegen bereits mit einem Kinderbuch, das sie gemeinsam mit Luka Jana Berchtold und Matthias Köb herausbrachte, zu mehr Öffentlichkeit verholfen. Es nennt sich „Himmelblau“ und soll ermuntern, mit dem Thema offen umzugehen, es anzusprechen, wenn nötig, aber nicht ständig in den Mittelpunkt zu rücken. VN-MM
„Es soll sich für alle etwas verbessern, niemand soll sich etwas erkämpfen müssen.“

Unterstützung für das Buch kam von Luka Jana Berchtold (l.) und Matthias Köb.


Frida und Mama Nicole sind ein Herz und eine Seele. Das Mädchen ist trotz Beeinträchtigung ein lebenslustiges Kind, aber auch fordernd.

Nicole Klocker-Manser freut sich auf ihre neue Aufgabe und ist schon jetzt mit Herzblut dabei.
Zur Person
Nicole Klocker-Manser
Alter 37
Familienstand verheiratet, zwei Töchter (9 und 3)
Ausbildung Hotelfach, danach Studium der Erziehungswissenschaften