„Ich sitze zwischen den Stühlen“

Linda Zervakis über ihren „Tagesschau“-Job, ihr neues Buch, ihre griechischen Wurzeln und Showmasterinnen.
Hamburg Ihr Gesicht kennen Millionen Zuschauer aus der „Tagesschau“: Linda Zervakis präsentiert regelmäßig die 20-Uhr-Ausgabe der Nachrichtensendung – als erste Sprecherin mit Migrationshintergrund machte sie 2013 Schlagzeilen. Jetzt erzählt die populäre Fernsehfrau in einem Buch von ihrem deutsch-griechischen Hintergrund: In „Etsikietsi – Auf der Suche nach meinen Wurzeln“ (Verlag Rowohlt Polaris, 208 Seiten, 16 Euro) schreibt die Journalistin über die bewegte Vergangenheit ihrer Familie und ihren Job bei der „Tagesschau“.
Frau Zervakis, die meisten Leute kennen Sie als „Tagesschau“-Sprecherin, jetzt haben Sie ein Buch mit dem Titel „Etsikietsi“ geschrieben. Was bedeutet das?
Zervakis Wenn man in Griechenland gefragt wird, wie es einem geht, dann antwortet man: „Etsikietsi“, das heißt: so lala, irgendwie dazwischen. Und das beschreibt auch ein bisschen, wie ich mich fühle. Zwischen den Stühlen, zwischen den Welten.
Ihre Eltern stammen aus Griechenland, in dem Buch schreiben Sie über die Suche nach Ihren griechischen Wurzeln – dafür sind Sie mit Ihrer Mutter in die alte Heimat gereist. Was haben Sie gefunden?
Zervakis Ich habe herausgefunden, dass ich mich zum Glück nicht entscheiden muss, ob ich mehr Deutsche oder mehr Griechin bin – auch wenn manche Leute das vielleicht von mir erwarten. Es ist einfach beides in mir, so wie ich ja auch beide Pässe habe, und ich genieße das. Ich bin froh, dass ich meine griechischen Wurzeln noch in mir habe, und sehe das als Bereicherung.
Was ist typisch deutsch, was typisch griechisch an Ihnen?
Zervakis Deutsch ist an mir eine gewisse Verbindlichkeit. Wenn man sich für 15 Uhr mit mir verabredet, dann bin ich in der Regel pünktlich. Griechisch an mir ist die Lautstärke. Ich lache sehr laut, auch beim Essengehen, und halte dabei oft in der einen Hand die Gabel und nutze die andere zum Gestikulieren. In höherpreisigen Restaurants fällt das in Deutschland auch mal unangenehm auf (lacht).
Seit einigen Wochen tauschen Sie sich in Ihrem Podcast „Gute Deutsche“ mit anderen Prominenten mit Migrationshintergrund aus. Wie ist Ihre vorläufige Bilanz?
Zervakis Mir ist aufgefallen, dass es vielen dieser Menschen in ihrer Kindheit und Jugend ähnlich ging wie mir: Sie haben sich ganz besonders angestrengt, um besser zu sein als alle anderen, um nicht negativ aufzufallen. Da sehe ich eine Parallele zu meinem eigenen Leben.
Sie machten als erste „Tagesschau“-Sprecherin mit Migrationshintergrund Schlagzeilen …
Zervakis Ich bin damals ganz schön erschrocken, als ich auf einmal mit diesem Etikett beklebt wurde. Dieses Prädikat „erste Sprecherin mit Migrationshintergrund“, ist das wirklich so ein wichtiger Nebensatz? Hätte nicht einfach gereicht: Linda Zervakis, die neue Sprecherin bei der „Tagesschau“?
Sie haben 2018 und 2019 den ESC-Vorentscheid moderiert. Warum sieht man Sie seitdem kaum noch als Showmoderatorin?
Zervakis Das liegt nicht an mir. Denken Sie nur an das, was Volker Herres neulich gesagt hat.
Der ARD-Programmdirektor meinte in einem Interview, ihm falle kein weibliches Pendant zu Showmastern wie Kai Pflaume ein …
Zervakis Es ist doch erschreckend, dass es im deutschen Fernsehen nur ganz wenige Frauen gibt, die wirklich an die großen Shows rangelassen werden. Man hat über Jahrzehnte immer nur Männer solche Sendungen moderieren lassen. Außerdem ist das Sehverhalten vieler deutschen Zuschauer dadurch auch so konditioniert, dass sie glauben, dass das eigentlich nur Männer können. Im Jahr 2020 ist das schon ein bisschen traurig. SKI
Zur Person
Linda Zervakis
„Tagesschau“-Sprecherin; Buchautorin („Etsikietsi – Auf der Suche nach meinen Wurzeln“)
Geboren 1975 in Hamburg
Ausbildung Matura
Laufbahn Werbetexterin, 2001 Wechsel zum NDR als Nachrichtensprecherin; ab 2013 „Tagesschau“-Sprecherin, Podcast „Gute Deutsche“
Familie zwei Kinder, lebt in Hamburg