Unbeschreiblich unberechenbar

Ihre Auftritte bergen Aufregungspotenzial. Punkerin Nina Hagen ist auch mit 65 radikal unangepasst.
Berlin Die Szene ist vergleichsweise harmlos – aus heutiger Sicht. Nina Hagen (65) katapultiert sich damit allerdings 1979 aus ihrer Welt der Punk-Bühnen direkt ins Wohnzimmer schockierter Spießbürger. “Frauenorgasmen sind so wichtig”, sagt die damals 23-Jährige in der TV-Sendung “Club 2”, und dann zeigt sie es allen ganz genau: “Frauen müssen sich anfassen! Nämlich da!” Hagens Zeigefinger liegt auf ihrer Klitoris. Es folgen noch Hinweise zu hilfreichen Stellungen bei der Selbstbefriedigung. Dass die Sängerin dabei eine Hose trägt, tut dem folgenden Skandal keinen Abbruch. Ihr Leben wird unberechenbar bleiben. Heute wird die “Godmother of Punk” 65 Jahre alt.
Das erste Album der Nina Hagen Band ist Musikgeschichte. Songs wie “Auf’m Bahnhof Zoo”, “Rangehn” oder “Unbeschreiblich weiblich” bekennen sich offensiv zu sexueller weiblicher Selbstbestimmung. Hagen legte damit einen Grundstein für New Wave in Deutschland, was dann als Neue Deutsche Welle zunehmend Pop-Charakter annahm. Zu dem Zeitpunkt hat Hagen ihre erste musikalische Karriere bereits hinter sich. Die in Ost-Berlin geborene Tochter der schon in der DDR gefeierten Brecht-Akteurin Eva-Maria Hagen will auch Schauspielerin werden. Allerdings ist Mutter Hagen zu dem Zeitpunkt mit Regimekritiker und Ziehvater Wolf Biermann liiert. Das macht die Tochter aus Stasi-Sicht politisch unzuverlässig. Nina Hagen wird Schlagersängerin. Nach der Ausbürgerung Biermanns versucht sie, so schnell wie möglich in den Westen zu gelangen.
Hagens Stil mag schrill erscheinen, vor allem ist er radikal. Sie setzt sich scheinbar keine Grenzen und probiert Dinge aus. Ihr Spiel zwischen Kunstfigur und Realität erinnert an David Bowie. Oft dramatisch stark geschminkt mit auffälligsten Outfits. Ihre Stimme spannt sich nicht nur oktavenweit zwischen furchterregenden Tiefen und anstrengenden Höhen mit Koloraturkompetenz. Sie nutzt alles, was irgendwie die Bezeichnung Ton rechtfertigt. Da gluckst es, reibt, röhrt, kratzt, gackert, hechelt, überschlägt sich.
Ihr Leben in verschiedenen Ländern bringt zahlreiche Partner und Projekte mit sich. Musikalisch ist sie sehr produktiv, nimmt enorm viele Alben auf, variiert ihre Songs. Zum Geburtstag wirft sie einen Blick zurück, es kommt das Album “Was denn…?”. Hagen fühlt sich stets in Begleitung: “Ich und Jesus, wir kommen im Doppelpack.”