Vor 17 Jahren erschütterte ein Schmiergeldskandal Siemens in seinen Grundfesten

Jahrelang hatte das Unternehmen systematisch Bestechungsgelder gezahlt, um Aufträge im Ausland zu akquirieren.
München Es war November 2006, als die Münchener Staatsanwaltschaft nach ersten Hinweisen auf ein weitverzweigtes Korruptionssystem innerhalb des Siemens-Konzerns rund 30 Wohnungen und Büros von zum Teil hochrangigen Mitarbeitern durchsuchen lässt. Sie sollen Bestechungsgelder an potenzielle Auftraggeber gezahlt haben. Kurz darauf werden Vorwürfe laut, denen zufolge auch die Konzernspitze von dem Korruptionssystem gewusst hatte.
Im Dezember räumt die Siemens-Führung die jahrelange Korruption im Konzern offen ein und erklärt, dass 420 Millionen Euro in dubiose ausländische Kanäle geflossen seien. Der im September ausgeschiedene Siemens-Vorstand Thomas Ganswindt und weitere teilweise hochrangige Mitarbeiter werden in Untersuchungshaft genommen.
Mit Siemens-Europa-Chef Johannes Feldmayer wird der erste aktive Konzernvorstand vorübergehend festgenommen.

Im April tritt der Siemens-Aufsichtsratschef und frühere Vorstandsvorsitzende Heinrich von Pierer zurück. Nur wenige Tage später gibt auch Vorstandschef Klaus Kleinfeld auf. Auch der frühere Siemens-Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger gerät zunehmend unter Druck.

In die Milliarden
Im November 2007 steht fest: Der Korruptions-Skandal erreicht eine Milliarden- Dimension: Über alle Bereiche hinweg wurden zweifelhafte Zahlungen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro entdeckt.
Mit der Zeit kommen immer neue Details ans Licht. Siemens spricht von Unregelmäßigkeiten in nahezu allen untersuchten Geschäftsbereichen und in zahlreichen Ländern.
Dem Konzern zufolge schlüsseln sich Schmiergeld-verdächtige Zahlungen auf folgende Geschäftsbereiche auf:
- Kommunikationssparte (COM): 449 Millionen Euro
- Kraftwerksgeschäft (PG): 301 Millionen Euro
- Kraftwerksgeschäft (PG): 301 Millionen Euro
- Medizintechniksparte (Med): 44 Millionen Euro
- Verkehrstechnik (TS): 88 Millionen Euro
- Energieübertragung (PTD): 80 Millionen Euro
- Industriedienstleistungen (I&S): 24 Millionen Euro
- Bei Auslandsgesellschaften flossen dem Konzern zufolge etwa 258 Millionen Euro.
“Wir haben im Grunde jeden Beratervertrag der vergangenen Jahre untersucht”, sagte Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser. Bei den Verträgen mit einem Volumen von insgesamt 3,5 Milliarden Euro konnten für 1,3 Milliarden Euro keine Belege gefunden werden. Das Geld dürfte somit zum allergrößten Teil für Korruption im Ausland eingesetzt worden sein.

Staatsanwälte rund um den Globus beschäftigen sich mit dem Korruptionssystem bei Siemens. In Italien, Griechenland, Ungarn, Norwegen, Russland, China und der Schweiz wird gegen Mitarbeiter des Unternehmens ermittelt.
Im Juli 2008 sagt der frühere Antikorruptionsbeauftragte Albrecht Schäfer in einem Prozess aus, dass mehrere ehemalige Vorstände über die Existenz von Schwarzgeldkonten und fragwürdigen Beraterverträgen im Bilde gewesen seien.
Fünf Millionen Euro
Der Siemens-Aufsichtsrat beschließt Schadenersatzforderungen gegen Pierer und Kleinfeld sowie weitere frühere Mitglieder des obersten Zentralvorstandes. Das Unternehmen wirft ihnen eine Verletzung ihrer Organisations- und Aufsichtspflichten im Zusammenhang mit den Korruptionsvorwürfen vor. Pierer weist die Schuld von sich. Schlussendlich gibt es aber dennoch eine Einigung: Demnach will Pierer fünf Millionen Euro zahlen.
Siemens selbst muss wegen des Korruptionsskandals eine Milliarde Euro an Geldbußen an die Behörden in den USA und Deutschland zahlen.

Im September 2009 erklärt der Konzern die Korruptionsaffäre für beendet. Der Konzern habe sich in den drei Jahren seit Bekanntwerden der schwarzen Kassen fundamental erneuert und wolle nun gemeinsam mit Konkurrenten sowie unabhängigen Prüfern erneute Bestechungsfälle verhindern.

Den Elektrokonzern kostete die Aufarbeitung des Skandals 2,5 Milliarden Euro. Die Aufräumarbeiten nahmen Jahre in Anspruch. 250 Mitarbeiter mussten gehen, eine umfassende Compliance-Organisation wurde aufgebaut.