Pioniervorteil in der Nische

Markt / 04.03.2022 • 19:15 Uhr
Alexander Graf wird gerne als „E-Commerce-Papst“ bezeichnet. Er ist nicht nur Unternehmer, sondern auch Herausgeber des Blogs Kassenzone.  graf
Alexander Graf wird gerne als „E-Commerce-Papst“ bezeichnet. Er ist nicht nur Unternehmer, sondern auch Herausgeber des Blogs Kassenzone.  graf

E-Commerce-Experte Alexander Graf ortet enormes Potenzial für B2B-Marktplätze.

Bregenz Corona war ein klassischer Digitalisierungsbeschleuniger. Auch im Business-to-Business-Bereich (B2B), sagt Alexander Graf, Gründer und CEO von Spryker. Der Experte bietet mit seinem Unternehmen, das bereits 2020 mit 500 Millionen Euro bewertet wurde, eine Art Baukastensystem für Onlineshops und betreut mit 500 Mitarbeitern Kunden wie Toyota, Hilti oder Aldi. „Durch die Pandemie wurden Kundenbeziehungen vor Ort verunmöglicht. Zuvor lautete das Argument oft, dass B2B-Kunden keine Online-Lösung wollen“, erklärt Graf im VN-Gespräch anlässlich eines B2B-Dinners mit Vorarlberger Unternehmen bei der Digitalagentur und Spryker-Partner Towa.

Nachfrage vorhanden

Nun sei bewiesen, dass die Nachfrage auch für komplexe Produkte vorhanden sei. „Das, was vor zwei Jahren progressiv klang, geht nun weiter“, sagt Graf und spricht vom großen Potenzial von Marktplätzen. Also Plattformen, auf denen Hersteller, Lieferanten und Distributoren mit Abnehmern von Rohstoffen, Produkten oder Dienstleistungen zusammengebracht werden. „Es gibt hier Hunderte Nischen. Von Schüttgut bis Maschinen. Wer darauf setzt, hat noch den Pioniervorteil“, betont Graf. Im Vergleich zu Amazon brauche es dabei auch nicht Tausende Verkäufer und Millionen Kunden. Wer 20 Anbieter und ein paar Hundert Kunden vernetze, sei schon sehr gut im Geschäft.

Ein Marktplatz bewege sich auch weit weg vom klassischen Onlineshop-Modell – man kauft Produkte von Herstellern ein, packt sie in sein Lager und verkauft sie an Kunden weiter. Man trage somit kein Waren- und kein Preisrisiko, sagt Graf.

Tyre24 beispielsweise sei ein erfolgreicher B2B-Marktplatz für Reifen und Felgen, auf dem alle großen Hersteller und Distributoren vernetzt seien. Von dort aus bestellen die Werkstätten ihre Reifen. Das funktioniere aber genauso auch für die Vernetzung von Kipplastern, Sandproduzenten und Baustellenbetreibern. „So werden alle Dienstleistungen gebündelt. Es ist ein Service, der digitalisierbar ist und der eine große Zukunft hat“, ist der E-Commerce-Experte überzeugt. 

Gegen Fachkräftemangel

Zudem hätten solche Marktplätze noch einen weiteren, nicht zu unterschätzenden Vorteil. „Sie helfen hinsichtlich Mitarbeitermangel, weil die Auslastung gesteuert wird. Indem ein Lkw-Fahrer beispielsweise nicht drei Stunden auf einer Baustelle warten muss, obwohl seine Arbeitskraft woanders gebraucht würde, kann Ineffizienz vermieden werden“, erklärt Graf. Unternehmen gehe es dabei nicht um Umsatzsteigerung, sondern darum, die Nachfrage überhaupt halbwegs bedienen zu können. VN-reh