Deshalb ist Nachhaltigkeit das Geschäftsmodell von Collini

Markt / 30.05.2021 • 08:00 Uhr
Deshalb ist Nachhaltigkeit das Geschäftsmodell von Collini
Collini-Urgestein: Günther Reis in der Abteilung, in der er schonals Ferialer arbeitete.  VN/STEURER

Collini-Chef Günther Reis über Oberflächentechnik, Internationalisierung und den Fachkräftemangel.

Hohenems Der Hohenemser Günther Reis ist seit vergangenem September Vorstandschef des international tätigen Oberflächenspezialisten Collini. Reis ist ein Collini-Urgestein, der die Firma von der Pike auf kennt, hat er doch schon als Schüler in den Ferien dort gearbeitet.

Zuerst die derzeit unumgängliche Frage: Wie ist Collini bisher durch die Coronazeit gekommen?

Günther Reis Wir haben ein breit aufgestelltes Portfolio, das uns geholfen hat, relativ gut durch die bisherige Coronakrise zu kommen. Gut geklappt hat das Krisenmanagement. Wir haben sehr gute Mitarbeiter und Betriebsräte und sind in Vorarlberg mit unseren Gleitzeitkonten ohne Kurzarbeit durch die Krise gekommen. Wir haben einen zentralen Krisenstab für unsere Betriebe gehabt und jeweils welche an den einzelnen Standorten.

Wie waren die Auswirkungen auf die Branchen und Länder?

Reis Es gibt Märkte, die sich gut entwickelt haben, zum Beispiel das Möbelgeschäft, das sich rasch wieder erholt hat. Und es gibt Bereiche, die stark betroffen waren, wie das Automobilgeschäft. Auch wenn die Herausforderungen unterschiedlich waren, ist immer der Gesundheitschutz der Mitarbeiter an erster Stelle gestanden und an zweiter Stelle das Abfedern der wirtschaftlichen Auswirkungen. Es gibt auch verschiedene Vorgangsweisen der Regierungen bei den Maßnahmen. Man wundert sich vielleicht, aber etwa in Mexiko sind die Maßnahmen strenger als bei uns.

Ich ärgere mich dann auch immer ein bisschen, wenn man über den Fachkräftemangel jammert. Es sind meistens jene, die es selber versäumt haben, auszubilden.

Günther Reis, CEO Collini Holding

Sie sind seit Herbst CEO, wie hat sich ihre Tätigkeit verändert?

Reis Ich bin schon seit über zwanzig Jahre im Unternehmen und kenne die handelnden Personen, die Abläufe. Wir haben ein stabiles Team mit guten Leuten. Insofern war für mich die Umstellung nicht so groß, wie es für einen externen wäre. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ich eine Führungsposition in einer unserer Gesellschaften wahrnehme oder ob ich die Gesamtverantwortung für die Gruppe trage. Was mir abgegangen ist in der Coronazeit, ist der direkte Kontakt zu unseren Mitarbeitern weltweit.

Welche Pläne haben Sie, welche Strategie hat das Unternehmen?

Reis Das Unternehmen gibt es jetzt 120 Jahre und meine Aufgabe ist es, das Unternehmen so auszurichten, dass es die nächsten Jahrzehnte auch gut überleben kann. Wir haben vor, ein großes Investitionsprogramm hier in Hohenems umzusetzen, um zusätzliche Produktionsflächen und attraktive Arbeitsplätze für Experten im technischen wie im kaufmännischen Bereich zu schaffen und Hohenems als Headquarter zu stärken. Der zweite Schritt ist die Internationalisierung. Wir haben jetzt in Mexiko zwei Werke gestartet und wollen die Marktentwicklung in Nordamerika vorantreiben. Und der übernächste Schritt ist der nach China. Das haben wir für 2023 terminisiert.

Wie wichtig sind Forschung und Entwicklung bei Collini?

Reis Wir haben Kooperationen mit Universitäten in Osteuropa, weil dort die Expertise in Elektrochemie sehr hoch ist. Von den Universitäten holen wir uns teilweise auch die Ingenieure, die wir im Unternehmen brauchen. Wir sind auch Gründungsmitglied eines Kompetenzzentrums für Elektrochemie mit Universitäten und Industriepartnern. Die Anwendungsentwicklung machen wir im Haus, das ist die große Herausforderung in unserer Branche. Das ist eine unserer Kernkompetenzen. Wir sehen Forschung nicht als Selbstzweck, sondern versuchen die Wertschöpfungskette entsprechend erfolgreich am Markt zu plazieren. Ein zweiter Grund für die Forschung sind Regulatorien, die immer stärker werden.

Die Industrie ist mit neuen Vorgaben und neuen Situationen konfrontiert.

Reis Was mich an unsere Geschäftsmodell begeistert, ist, dass die Oberflächentechnik der Schlüssel zur Nachhaltigkeit ist. Wir stellen ja selbst nichts her, sondern sind industrieller Dienstleister. Der Kunde gibt uns ein Rohteil und wir machen die Oberflächenbehandlung. Wenn das Teil unser Haus verlässt, ist es ein funktionierendes langlebiges Produkt. Unser Geschäftsmodell ist die Nachhaltigkeit.

Zum Thema Fachkräfte, bekommen Sie genug Personal?

Reis Das funktioniert bei uns relativ einfach. Die angelernten Mitarbeiter kommen über Mundpropaganda, weil sie wissen, dass wir ein ghöriger Arbeitgeber sind. Es gibt Mitarbeiter, die jetzt schon in dritter Generation bei Collini tätig sind. Bei den Fachkräften ist es so, dass wir nur selbst ausbilden können. Die Leute, die wir brauchen, gibt es nicht am freien Markt. Ich ärgere mich dann auch immer ein bisschen, wenn man über den Fachkräftemangel jammert. Es jammern meistens die, die es selber versäumt haben, auszubilden. Wir versuchen möglichst viele auszubilden, auch über den eigenen Bedarf hinaus. Was ein Vorteil von uns ist, ist die Diversität, die in der DNA von Collini ist. Unser Gründer war selbst Arbeitsmigrant und wir schöpfen aus den unterschiedlichen Migrationsbewegungen. Wir nehmen das als Chance wahr. Bei uns wird nicht gefragt, wo kommst du her oder welche Religion hast du, entscheidend ist, dass jeder seine Leistung bringt und seine Fähigkeiten einbringt.

Wie hält es Collini mit der Digitalisierung?

Reis Wir haben gelernt mit Homeoffice zu arbeiten und wie es ist, mit Videokonferenzen zu arbeiten. Ich glaube, das ist für die Industrie eine wichtige Erfahrung, vieles wird bleiben. Darüber hinaus ist es so, dass jede Maschine, jedes Ding mit unzähligen Sensoren ausgestattet ist und eine unfassbare Menge an Daten zur Verfügung steht. Wir beschäftigen uns im Rahmen der Digitalisierung mit der Frage, welches überhaupt die wichtigen Daten für uns sind.

Durch die Oberflächenbehandlung werden die Grundstoffe langlebig und nachhaltig, erklärt der CEO im VN-Gespräch.
Durch die Oberflächenbehandlung werden die Grundstoffe langlebig und nachhaltig, erklärt der CEO im VN-Gespräch.

Zur Person

Günther Reis

CEO Collini Holding

Geboren 12. Jänner 1973

Ausbildung Studium Betriebswirtschaft in Innsbruck, berufsbegleitend an der Wirtschaftsuniversität Wien Executive MBA

Laufbahn Ferialarbeiter bei Collini, nach dem Studium bei Collini in verschiedenen Fachabteilungen und in Führungspositionen an fast allen Standorten, seit Herbst Vorstand

Familie verheiratet, zwei Söhne

 

Unternehmensfakten

Umsatz 2020 225 Millionen Euro

Mitarbeiter 1600, davon 550 in Vorarlberg

Werke 15 Standorte in Österreich, Deutschland, Italien, Russland, Mexiko und der Schweiz