Hannes Androsch

Kommentar

Hannes Androsch

Im Liegestuhl auf der Titanic

Markt / 22.02.2019 • 14:00 Uhr

Dass sich die geopolitische Ordnung gegenwärtig rasant verändert, ist inzwischen Gemeinplatz. Viel weniger diskutiert wird jedoch der Umstand, dass auch unsere Weltwirtschaft im Zerfall begriffen ist – und dies, obwohl die Anzeichen hierfür nicht mehr zu ignorieren sind. China erlebt einen drastischen Rückgang seiner Wachstumsraten; der amerikanische Präsident versucht die Wirtschaft seines Landes mittels Strafzöllen und dem vollmundig vorgetragenen Slogan „America first“ abzuschirmen; und die Brexiteers hoffen auf wirtschaftliche „Selbstbestimmung“ durch ihre Scheidung von der EU.

Wir erleben die Re-Nationalisierung der Wirtschaft. Gefordert wird Autarkie statt internationaler Arbeitsteilung, Abschottung anstelle globaler Zusammenarbeit. Nicht mehr Globalisierung, sondern slowbalisation ist das neue Schlagwort, welches die Weltwirtschaft derzeit am treffendsten charakterisiert. Die Regeln des Welthandels werden neu geschrieben – ein Trend, der tatsächlich auf die Finanzkrise von 2008 zurückgeht und sich inzwischen im deutlichen Rückgang grenzüberschreitender Investitionen von 3,5 Prozent des Welt-BIP im Jahr 2007 auf 1,3 Prozent im Jahr 2018 zeigt. Und in dem Maß, wie die globalen Regeln zerfallen, entstehen neue Flickwerke regionaler Abkommen und Einflusssphären.

“Wie also auf all diese Veränderungen reagieren?  Handlungsanleitende Frage sollte jedenfalls nicht sein: Wie werden wir leben? Sondern vielmehr: Wie wollen wir leben?”

Nun sind solch regionale, sprich: kontinentale Wirtschaftsräume immer noch groß genug, um den Lebensstandard zumindest eine Zeit lang sichern zu können. Darüber hinaus aber wird die Slowbalisation nicht die Probleme lösen, die die Globalisierung verursacht hat. Es ist nämlich der technische Fortschritt (Roboterisierung, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz), der die Arbeiterjobs in den Industrieländern überflüssig macht. Darüber hinaus geraten durch die Verbindung von technologischer Entwicklung und Globalisierung auch immer mehr Dienstleistungsjobs unter Druck. Die bevorstehende Revolution wird westliche Fachleute in Konkurrenz zu „Null-Lohn-Denk-Computern“ (White Collar-Roboter) und Akademikern mit niedrigem Einkommen in den Entwicklungsländern (Telemigranten) bringen. Ingenieure, Buchhalter, Anwälte, die meisten Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor, Büroangestellte und mittlere Führungskräfte sind nur einige der Berufe, die von der Globotic, der Verschmelzung von Globalisierung und Roboterisierung, bedroht sind.

Wie also auf all diese Veränderungen reagieren?  Handlungsanleitende Frage sollte jedenfalls nicht sein: Wie werden wir leben? Sondern vielmehr: Wie wollen wir leben? Um hier vernünftige Antworten formulieren zu können, braucht es einmal mehr Bildung, Forschung, Innovation und Integration. Einstweilen aber verhalten wie uns wie jene, die es sich noch einmal in den Liegestühlen der Titanic bequem machen, anstatt neuen Kurs zu nehmen angesichts des näher kommenden Eisbergs.