Schrift ist sichtbare Sprache

Die visuelle Biografie „Hallo, ich bin Erik“ dokumentiert Werdegang, Werk und Haltung des bedeutenden Typografen, Designers und Unternehmers.
Erhältlich um 46,30 Euro
bei „Das Buch“ im
Messepark Dornbirn.
Was Journalisten recherchieren, zusammentragen und in Artikeln festhalten, lesen wir in der Übersetzung durch Buchstaben, durch Schrift. Wie jeder von uns eine eigene Stimme hat, die wir sogar noch recht verzerrt am Telefon erkennen, hat jede Zeitung ihren eigenen Auftritt. Einmal mit ihm vertraut, nehmen Leser auch kleine Änderungen nur ungerne an. Deshalb würde auch niemand die eigentliche Stimme eines Blattes verändern, schon aber die Betonung, die Lautstärke, die Wortwahl. Wir kennen das aus unserem Zuhause: Gelegentlich muss man etwas umräumen, Wände streichen, Bücher sortieren, sich von einigen Dingen trennen. Die VN haben sich gerade so eine Renovierung verschrieben. Die Möblierung der Seite ist geblieben: Es gibt Textspalten, Überschriften, Unterzeilen, Fotos und Grafiken. Aber diese vertrauten Elemente wurden ein wenig umgeräumt, neu sortiert: aufgemöbelt eben. Wie jede Renovierung war auch diese Neugestaltung Anlass, nicht nur über das Aussehen der Seiten nachzudenken, sondern auch über ihre Struktur – die Grammatik der Gestaltung. Der begrenzte Platz auf jeder Seite verlangt, dass wir sehr genau um jede Kleinigkeit ringen. Schriften haben technische und inhaltliche Funktionen und bestimmen den Charakter der Zeitung ganz wesentlich: So sprechen die VN. Überschriften sollen deutlich anzeigen, worum es im Text geht; die Textschrift muss auch unter nicht optimalen Bedingungen gut lesbar sein, dabei gut mit dem knappen Platz umgehen. Die Abstände zwischen den Zeilen, Absätzen und Spalten mögen für den Leser nur unsichtbarer Weißraum sein, tragen aber so viel zum Funktionieren und Aussehen einer Zeitung bei wie Fenster und Türen zu einem Haus. Die sorgfältige Abstimmung aller schwarzen, weißen und farbigen Elemente ergibt das unverwechselbare Gesicht der Zeitung. Es ist sympathisch, frisch und wiedererkennbar. Und nach einer kurzen Eingewöhnung wird niemand mehr wissen, wie es früher aussah. Um mit der Zeit zu gehen, muss man eben ständig etwas ändern.

Erik Spiekermann, Jahrgang 1947, ist Gestalter, Typograf, Schriftgestalter und Autor. Einige seiner Schriften, vor allem die FF Meta und die ITC Officina, gelten als moderne Klassiker und fanden ihren Weg in die ständige Sammlung des MOMA in New York. Auch für die Schilder der europäischen Autobahnen entwarf er eine Schrift, die in Österreich schon angewendet wird.