Wenn man einen weißen Bart trägt

Ensemble Unpop holt Bernhards “Alte Meister, Komödie” aus dem Keller.
Bregenz Theoretisch ist alles angerichtet. Das Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung macht, was das Ensemble für unpopuläre Freizeitgestaltung eben so macht – es muss sich nicht neu erfinden, um Theater auf höchstem Niveau abzuliefern. Diesmal in den Räumlichkeiten des Magazin 4 in der Bregenzer Bergmannstraße, gleich unter dem Dach, direkt über dem Kulturservice. Gespielt wird “Alte Meister, Komödie” von Thomas Bernhard. Das klingt ja schon mal alles sehr erfreulich, wirft aber auch Fragen auf. Hat das die sich selbst nur allzu gerne als kulturelles Epizentrum verstehende Landeshauptstadt überhaupt verdient? Wie viel Relevanz hat der 1985 erschienene Text heute noch – oder ist er aktueller denn je? Was hat die amerikanische Lo-Fi-Legende Daniel Johnston in diesem Zusammenhang hier verloren? Und sollte man sich das anschauen?
Bekannt ist ja, was einen inhaltlich zu erwarten hat? Zwei alte Männer hocken im Museum, um Kunst kaputtzudenken. Meisterwerke werden so lange zerlegt, bis nur noch Fehler übrig bleiben – weil Perfektion eine Lüge ist und nur das Mangelhafte erträglich. Was als Kunstkritik daherkommt, ist in Wahrheit ein wütender Rundumschlag gegen alles: Kultur, Staat, Menschen – und am Ende gegen sich selbst. Übrig bleibt: Alter, Einsamkeit und die Erkenntnis, dass nichts – auch nicht die Kunst – irgendwen rettet.
Wie das dann in der Bühnenfassung von Regisseur Stephan Kasimir aussehen wird, dessen vierte Fassung des Stücks vom Suhrkamp Verlag mehr als nur wohlwollend abgenickt wurde, bleibt bis zur Premiere am Donnerstag, 23. April, 20 Uhr, ein wohlbehütetes Geheimnis. Seine Aufgabe war schließlich keine einfache – Thomas Bernhards maskuline Erzählweise herunterzubrechen auf eine Erzählstimme, welche auf der Bühne von Maria Fliri interpretiert wird. Doch Fliri spricht nicht nur – im Stil einer Schießbudenfigur knallt sie buchstäblich den Raum mit Farbe voll. Bernhard hätte diese Interpretation ganz bestimmt gefallen.

Die Rauminstallation, welche Caro Stark dafür geschaffen hat, ist wohl nur mit dem Adjektiv “atemberaubend” zu beschreiben. Es ist ja leicht gesagt und unter Bühnengestaltern vermutlich eine Alltagsphrase, wenn es heißt, dass man den Raum neu denkt. Wenn man es allerdings – so wie Stark – immer wieder schafft, auch hochkarätig abzuliefern, dann ist das kein Zufall mehr, sondern ein System. Im Magazin 4 ist da keine Metaebene mit mannigfaltigen Deutungsmustern vorhanden. Der Engländer würde sagen, es ist “in your face”! Der Raum wird zum Museum, welches zu jeder Aufführung praktisch neu entsteht und abseits davon von Dienstag bis Freitag von 10 bis 12 und 13 bis 17 Uhr als Ausstellung besucht werden kann. Wenn nur alles so einfach wäre.
Doch das ist noch nicht alles. Im Original spielt das Gemälde “Weißbärtiger Mann” des italienischen Malers Jacopo Tintoretto (1518-1594) eine tragende Rolle. Um diesen Kreis zu schließen, wird am Aufführungsort ein Notfall-Bart-Automat aufgestellt. So kann man dem Gefühl, ein alter Meister zu sein oder im schlimmsten Fall immerhin ein alter weißer Mann, zumindest optisch nahekommen.
Um abschließend noch die oben gestellten Fragen chronologisch zu beantworten: 1. unter diesen Voraussetzungen schon … 2. sehr viel und ja … 3. jedes Puzzle braucht Eckstücke, jedes Theaterstück einen universellen, eigenen Sound … 4. unbedingt!
Premiere: 23. April 2026, 20 Uhr, Magazin 4, Bergmannstrasse 6, Bregenz; weitere Vorstellungen: 25. April 2026 sowie 2. 9. 13. und 21. Mai; jeweils 20 Uhr; Karten unter www.unpop.at/karten