Trophäe für Cristiano Ronaldo der Kolumnisten

Kultur / 29.10.2023 • 18:33 Uhr
Preisträger Harald Martenstein, Laudator Kurt W. Zimmermann, Gerhard Schwarz (Verein Kolumination) und Vereinsvorstand Hans Höhener (v. l.). <span class="copyright">cro</span>
Preisträger Harald Martenstein, Laudator Kurt W. Zimmermann, Gerhard Schwarz (Verein Kolumination) und Vereinsvorstand Hans Höhener (v. l.). cro

Harald Martenstein gewann für sein Lebenswerk Preis bei der 4. Kolumination auf dem Säntis.

Marion Hofer

Säntis Wenn die Schwebebahn auf dem Weg zum Säntis-Gipfel von Windböen getroffen ins Schlingern gerät und mit der Stütze zu kollidieren droht, bleiben selbst den größten Sprachkünstlern die Worte im Hals stecken.

Mit geschätzten 30 Kilo handelt es sich um einen gewichtigen Preis. Kein Wunder, dass sich Harald Martenstein freut.
Mit geschätzten 30 Kilo handelt es sich um einen gewichtigen Preis. Kein Wunder, dass sich Harald Martenstein freut.

Nur gut, dass die eingeladenen Kolumnisten und Kolumnistinnen ihre Texte bereits zu Hause geschrieben hatten und so keine Gefahr bestand, dass die rund 70 Gäste der vierten Kolumination auf dem Säntis mit leeren Worten konfrontiert wurden. War das vielleicht der Grund, warum Vereinsvorstand Hans Höhener und seine Mitglieder Reinhard Frei, Margit Hinterholzer, Gerhard Schwarz und Marcel Steiner das Festival der Worte unter das Motto Verantwortung setzten? Doch wer konnte schon ahnen, dass das raue Lüftchen auf 2502 Metern Höhe zu einer steifen Brise anwächst und so manches in Bewegung setzte.

Der Verein Kolumination: Margit Hinterholzer, Gerhard Schwarz, Rainer Hank, Vorstand Hans Höhener, Marcel Steiner und Reinhard Frei (v. l.).
Der Verein Kolumination: Margit Hinterholzer, Gerhard Schwarz, Rainer Hank, Vorstand Hans Höhener, Marcel Steiner und Reinhard Frei (v. l.).

Das tun aber auch die Kolumnisten, wenn sie mit ihren Texten im Unbehagen der Lesenden stochern, um sie anschließend wieder mit einer Portion Humor zu versöhnen. Ob Elfriede Hammerl (A), Harald Martenstein (D), Bettina Weiguny (D), Manfred Papst (CH) oder Gabriele Kuhn (A), sie alle brachten das Publikum mit ihrer Welt- und Weitsicht zum Nachdenken und mit ihren brillant formulierten Gedankengängen zum Lachen und Staunen.

Die Zuhörer lauschten gespannt.
Die Zuhörer lauschten gespannt.

Vorleser Rainer Hank wiederum konterte in seiner Hommage auf Alfred Polgar, das Café Central – in dem sich der damalige Journalist der Wiener Allgemeinen Zeitung vorwiegend aufhielt – sei eine Weltanschauung, deren Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen. Während sich Laudator Kurt W. Zimmermann auf den Fußballfeldern der Welt herumtreibt, um den diesjährigen Preisträger Harald Martenstein als den Cristiano Ronaldo der Kolumne zu beschreiben. Das quittierte Sohn Jakob sofort mit einem Kopfschütteln. „Wenn schon Fußballer, dann Lionel Messi, weil Papa den gut findet”, erklärte der junge Hertha-Fan. Der Cristiano-Ronaldo-Anhänger sei schließlich er.

Rund 70 Gäste besuchten das Festival der Worte, die Kolumination, auf dem Aussichtsberg Säntis.
Rund 70 Gäste besuchten das Festival der Worte, die Kolumination, auf dem Aussichtsberg Säntis.

Mit dem Ende des ersten Festival-Teils ging für die Poetry-Slammer Wolfgang Heyer (D), Annalena Schuh (A) und Manuel Diener (CH) die Arbeit erst richtig los. Der Deal lautete am nächsten Vormittag einen über Nacht verfassten Text vorzutragen. Dazu wurden unter den Gästen Wörter gesammelt und ausgelost. „Zigmal habe ich mich zu später Stunde gefragt, warum ich mich darauf eingelassen habe”, gesteht der junge Schweizer, dessen Los Schinkenbrot oder Schneesturm vorgab.

Die Poetryslammer Wolfang Heyer, Annalena Schuh und Manuel Diener bereiten sich auf ihren Dichterwettstreit vor.
Die Poetryslammer Wolfang Heyer, Annalena Schuh und Manuel Diener bereiten sich auf ihren Dichterwettstreit vor.

Inspiriert und unterstützt von der Autokorrektur entstand ein „irr-witziger” Text von „alten weißen Männern”, die mit Schinkenbroten und bei Schneesturm eine ungewöhnliche Sesselliftfahrt unternahmen. Annalena Schuh, von der Süßholzraspel gepackt, ortet im zarten Duft von Utopie butterfliegenartige Präsenz wolken-kratzender Hochhäuser. Die Wienerin, die eigens vorschlief, um in der Nacht des Textens ausgeschlafen zu sein, beeindruckte mit poetischem Wortwitz, der dem sehr ernsten Thema um die Klimakrise eine gewisse Leichtigkeit verlieh.

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Schwägerin Angela, Tochter Angela und Mama Anna Ganthaler mit Elfriede Hammerl (Profil).
Schwägerin Angela, Tochter Angela und Mama Anna Ganthaler mit Elfriede Hammerl (Profil).

Auch Wolfgang Heyer, Deutscher und Dritter im Bunde der Slammer, will – heidanei – noch seine „Knödelsuppe” unter die Gäste bringen. „Was zum Teufel blieb” ihm anderes übrig als den ersten Jahresrückblick rhythmisch-rappend rüberzubringen, auch wenn „koiner da Datschi toila dät“. Für alle gab es einen Zehn-Punkte-Applaus und wertschätzende Worte von „alten Hasen” unter den Wortakrobaten.

Der Säntis mit seinen 2502 Metern Höhe lässt den Blick über sechs Länder schweifen.
Der Säntis mit seinen 2502 Metern Höhe lässt den Blick über sechs Länder schweifen.

Zum Schluss gibt es für alle Stammgäste noch eine schlechte Nachricht. Denn es könnte durchaus sein, dass die fünfte Kolumination, die für Oktober 2024 geplant wäre, wegen Sponsorenmangels nicht mehr stattfindet. Nur gut, dass Totgesagte bekanntlich länger leben. So sehen es offensichtlich auch die Organisatoren, Kolumnisten, Slammer und Gäste, die sich am Ende hoffnungsfroh mit den geflügelten Worten verabschiedeten: „Wir sehen uns nächstes Jahr!”

Die Witwe des Künstlers, Josephine Meusburger, und Preisträger Harald Martenstein.
Die Witwe des Künstlers, Josephine Meusburger, und Preisträger Harald Martenstein.

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Preisträger Harald Martenstein (r.) mit der Witwe des Künstlers, Josephine Meusburger, und Sohn Jörg (M.).
Preisträger Harald Martenstein (r.) mit der Witwe des Künstlers, Josephine Meusburger, und Sohn Jörg (M.).
In der Schwebebahn: Die beiden Österreicherinnen Elfriede Hammerl (l.) und Gabriele Kuhn.
In der Schwebebahn: Die beiden Österreicherinnen Elfriede Hammerl (l.) und Gabriele Kuhn.