Von Überfluss und Überdruss

Kultur / 12.07.2023 • 16:16 Uhr
Auch Künstler Roland Adlassnigg nahm sich des Themas an. VN/Hartinger
Auch Künstler Roland Adlassnigg nahm sich des Themas an.
VN/Hartinger

Bregenzer Magazin 4 widmet sich dem großen Fressen.

Bregenz Das Magazin 4 hat „Le Grand Bouffe – Das Große Fressen“ zum Anlass genommen, um auf eine Gesellschaft, zumindest auf einen Teil der Gesellschaft hinzuweisen, die alles im Überfluss hat. Überfluss und Überdruss sind die beiden Maxime, die die Grundlagen für dieses groß angelegte Sommerprojekt schaffen, denn im Stadtgebiet von Bregenz verteilt, finden sich viele Stationen, die von diversen Künstlerinnen bespielt werden, so zum Beispiel von Honey & Bunny alias Sonja Stummerer und Martin Hablesreiter, die sich seit über 13 Jahren mit food design beschäftigen und Essbares gestalten sowie eat art performances entwickeln. Sie gastieren mit „Imagine Food“ im DWDS in der Jahnstraße. Der Fotograf Gerhard Klocker zeigt „Fotografische Gaumenkitzler und Kompositionen aus seinem Werk von 1989-2023. Lustvoll ästhetisch arrangierte Stillleben, die das Vergängliche unserer Gegenwart festhalten, zu sehen im Martinsturm. In einen fantastischen Ort der Lust hat Künstlerin Ulli Knall die stillen Örtchen des Restaurants Petrus Brasserie verwandelt.

Verkehrte Welt

Lucie Strecker und Phillipe Riéra haben sich an Luis Bunuel Film „Das Gespenst der Freiheit“ (1974) herangewagt, der oft als Bunuels satirischer Angriff auf gesellschaftliche Konventionen gesehen wird. Wie im Film kann man sich auch im Erdgeschoss des Magazin 4 auf topmoderne Laufen-WC setzen, die rund um einen Dinner-Tisch angeordnet sind. Im Film verschwindet die Tischgesellschaft in einem kleinen Kabäuschen, das sich nebenan befindet, um dort Essen in sich hineinzuschlingen. Das Prinzip der verkehrten Welt, wir kennen diese Gesetzmäßigkeit schon aus den mittelalterlichen „Kinderbischofsspielen“ und Fastnachtsspielen, die im Wesentlichen das auf den Bibelvers „Das Niedrige soll erhöht und das Hohe erniedrigt werden“ zurückgehen. Das Absurde erscheint normal, das Normale absurd.

Schnapsaltar

Doch im Raum daneben erwartet uns nicht ein opulentes Festmahl, dort erwartet uns Roland Adlassniggs „Schnapsaltar. Kleine Kapelle der Laster“, ein sakraler Raum mit einem barock inszenierten Altar, in dessen Mitte „Le Roi Mort – Der König Tod“ zu sehen ist. Alle Lust will Ewigkeit, allerdings hat immer jemand etwas dagegen, und das ist der Tod, die Vergänglichkeit. Memento Mori – gedenke, dass du sterblich bist, als Antipode zur Genusssucht, zum Schwelgen im Luxus. Schnell kann‘s vorbei sein.

Das Hauptaugenmerk sei aber auf die ca. 20 Meter lange und begehbare Darmschlinge gelegt, die die Künstlerin Dafna Maimon gestaltet hat. Mit ihrer Multimedia-Installation „Indigestibles“ stellt sie die Grenzen unserer Identität in Frage. Das Verdauungssystem einer fiktiven Frau mittleren Alters wird zu einem philosophischen Ort des Austausches und Überganges. Ein schillernd üppiger und klangvoller Korridor aus blühenden Mikroben, Organen und Unverdautem wird zur Membran, durch die unser Inneres in Beziehung zum Außen tritt. Ein Spaziergang durch einen eindrucksvollen Schlauch aus Paneesamt und Strechvelours, in allen erdenklichen Rottönen, heimelig und geheimnisvoll zugleich.

Die Covid-Pandemie kam uns konsumverwöhnten Europäern wie eine große Prüfung vor: keine Ausstellungen, keine Konzerte, keine Reisen, keine Partys. Doch im Rückspiegel wirkt sie wie eine heitere Ouvertüre zu dem, was noch kommt. Klimakatastrophen, Krieg, Wasserknappheit, globale Lieferengpässe, Ressourcenknappheit, Teuerungswellen, dass einem schwindlig wird; und schnell wird uns bewusst, dass unser Leben im Luxus plötzlich Risse bekommt, auf dem Prüfstand steht, und man glaubt den Schmerz des Mangels zu spüren, mitnichten. Aber dieses Mal geht es mehr als nur um die nächste Stromrechnung und den nächsten Kassazettel an der Supermarktkasse. Dieses Mal geht’s um’s Eingemachte.

Härtere Zeiten

Der Rahmen der Umverteilung, des Verzichts, des Ressourcenmanagements, Ausgleich von Wohlstand und Armut, muss nicht nur ad hoc neu justiert, sondern muss gänzlich neu gedacht werden. Und mittelfristig müssen wir uns schon jetzt auf härtere Zeiten einstellen. Das will diese Ausstellung aufzeigen. Hingewiesen sei noch auf ein äußerst interessantes Rahmenprogramm mit wissenschaftlichen Vorträgen, Stadtführung mit Weinverkostung, Workshops für Kinder, Führung durch den Klostergarten Marienberg, Dinnerevent im Hotel Honolulu etc. THS

Honey & Bunny beschäftigen sich seit mehr als 13 Jahren mit food design.
Honey & Bunny beschäftigen sich seit mehr als 13 Jahren mit food design.
Zentrales Werk: Eine 20 Meter lange Darmschlinge von Künstlerin Dafna Maimon.
Zentrales Werk: Eine 20 Meter lange Darmschlinge von Künstlerin Dafna Maimon.