Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Grenze als Schicksal

Kultur / 12.05.2023 • 18:43 Uhr

Am vergangenen Montag, am 8. Mai, wurde weltweit des Endes des Zweiten Weltkrieges und damit des Endes der Terrorherrschaft der Nationalsozialisten gedacht. Es gab politisches, kulturelles und natürlich historisches Gedenken, das bei uns in Vorarlberg seit Jahrzehnten weitgehend vom Jüdischen Museum in Hohen­ems geleistet wird. Unser Land hat ja eine besondere Geschichte, liegt es doch über weite Strecken – nämlich über etwa 150 Kilometer, wenn man auch das Fürstentum Liechtenstein mit einbezieht – an der Grenze zur Schweiz. Und diese Grenze war während der Nazidiktatur eine Grenze, die für viele Verfolgte Ziel und Hoffnung war. Denn hinter der Grenze war Demokratie, das Überschreiten war allerdings lebensgefährlich und brachte für viele Flüchtlinge den Tod.

„Über die Grenze“ ist der Titel eines Buches, das vor Kurzem vom Jüdischen Museum herausgebracht wurde und genau dieses Thema zum Inhalt hat. Direktor Hanno Loewy und Raphael Einetter haben 52 Fluchtgeschichten zusammengestellt, die bereits seit einiger Zeit als Rad-Hörweg an dieser Grenze entlangführen. Es sind erschütternde Geschichten, die man lesen sollte, etwa jene des Dichters Jura Soyfer, der im Montafon auf dem Weg zum Schlappiner Joch verhaftet und ins Konzentrationslager gebracht wurde, wo er 1939 an Typhus verstarb. Oder jene des Paul Grüninger von der Kantonspolizei St. Gallen, der vor allem Juden über die Grenze half und dafür entlassen und vor Gericht gestellt wurde. Viele Fluchtversuche scheiterten und „endeten mit Selbsttötungen, Erschießungen und Deportationen in Vernichtungslagern“ (Meinrad Pichler in seinem Beitrag zur „Vorarlberger Grenzgeschichte“). 52 Geschichten, die hier gesammelt sind, bedeuten 52 Schicksale, die mit diesem Buch der Vergessenheit genommen werden. Sie sind so etwas wie ein lebendig gewordenes Denkmal zur Zeitgeschichte.

Ein wirkliches Denkmal soll es zudem geben. In Bern wird, so plant der Bund, ein „Schweizer Memorial für die Opfer des Nationalsozialismus“ errichtet werden. Ein Teil dieses Memorials soll in Zusammenarbeit mit dem Kanton St. Gallen im Rheintal entstehen und an die Fluchtbewegungen über den Rhein erinnern. Dieser Teil wird grenzüberschreitenden Charakter haben und wesentlich vom Jüdischen Museum Hohenems mitentwickelt werden. Drei Aspekte sollen berücksichtigt werden, in Bern der des Erinnerns, im Rheintal jene der Vernetzung und Vermittlung. Der Radweg mit den verschiedenen Stationen hat bereits einen international beachteten Anfang gemacht, das neue Buch bringt dazu eine Vertiefung und schließlich könnte das Memorial im Rheintal diese Art der Erinnerung und des Gedenkens noch wesentlich erweitern. Denn die Problematik von Grenzen ist nicht allein ein lokal-historisches Thema, an vielen Grenzen der Welt sterben noch heute Tausende von Flüchtlingen.

„Unser Land hat ja eine besondere Geschichte, liegt es doch über weite Strecken an der Grenze zur Schweiz.“

Walter Fink

walter.fink@vn.at

Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.