„Handverlesen“ zum Kunsthandwerk

Kultur / 27.01.2023 • 18:13 Uhr
Die Schülerinnen und Schüler der Musikmittelschule Lingenau proben intensiv mit dem Theater Mutante für die musikalische Theaterperformance. Theater Mutante
Die Schülerinnen und Schüler der Musikmittelschule Lingenau proben intensiv mit dem Theater Mutante für die musikalische Theaterperformance. Theater Mutante

Projekt des Theaters Mutante in Kooperation mit der ­Musikmittelschule Lingenau und dem Werkraum Andelsbuch.

ANDELSBUCH Der Bregenzerwald zeichnet sich vor allem durch sein facettenreiches Handwerk aus, das über Jahrhunderte gewachsen ist. Auch heute gibt es noch viele kleine Familienbetriebe, die versuchen, der industriellen Produktion, die Stirn zu bieten.

Bei Gesprächen mit Vertretern von Industrie und Einzelbetrieben erhielten die Projektverantwortlichen filmisch einen Einblick in Arbeitsvorgänge und persönliche Geschichten. Dabei kristallisierte sich eine Thematik heraus: Was passiert, wenn diese auf hunderte Jahre zurückgehende handwerkliche Tradition keinen Anschluss mehr bei jungen Menschen findet? Handwerk und sonstige körperlich belastende Arbeiten werden zwar in der Praxis stark benötigt, ihre gesellschaftliche Reputation entspricht aber keineswegs ihrer lebenspraktischen Relevanz. Dazu kommt, dass Jugendliche auch immer weniger in Kontakt mit handwerklicher und körperlicher Arbeit kommen. Sich im Handwerklichen spielerisch auszutoben, um dabei ein mögliches Talent oder Interesse zu entdecken, ist kaum mehr möglich. Wie soll da also Lust und Interesse entstehen?

Von 2. bis 11. Februar bespielt das Theater Mutante den Werkraum mit der Aufarbeitung der Recherche für das Projekt „handverlesen“. Diese beinhaltet eine musikalische Theaterperformance, einen Film, eine Ausstellung, Workshops und eine Podiumsdiskussion.

Die Interviews mit rund 30 Handwerkern und Großbetrieben aus dem Bregenzerwald und dem Rheintal wurden aufgearbeitet und mit Schülern der Musikmittelschule Lingenau in eine musikalische Theaterperformance gebracht, der vom Alltag zweier “digital natives” handelt. Die Jugendlichen befassen sich schon lange nicht mehr mit der Mühsal der körperlichen Arbeit. Der Weg vom Ausgangsmaterial zum Endprodukt ist ein nebulöser Vorgang, wenn der Hunger groß und die Bestellhotline des Lieferservice tot ist, werden die Jugendlichen mit der Begrenztheit ihrer analogen Fähigkeiten konfrontiert. Was nützt ihnen ihre virtuelle Qualifikation in einer Welt voller physischer, emotionaler und materieller Herausforderungen?

Film mit 30 Handwerkern

Die audiovisuelle Ausstellung wird in Form einer auditiven Reise stattfinden, begleitet von dem Film, der ab dem 4. Februar im Zuge der Ausstellung ganztägig gezeigt wird. Darin sind rund 30 Handwerker zu sehen, die einen Einblick in ihre Arbeit geben. Danach kann individuell von den Besuchern entschieden werden, welchem Handwerk man nähere Beachtung schenken will. Alle im Film vorkommenden Handwerker und Vertreter der Industrie wurden interviewt. Diese Aufnahmen werden über ein tragbares Audiogerät separat für die Besucher zur Auswahl zur Verfügung stehen.Ein zweiteiliger Workshop bietet Gelegenheit, sich den Wurzeln des Handwerks zu nähern, eine sinnliche Beziehung zum Material einzugehen, sprichwörtlich “anzupacken”. Margit Denz entführt in die Welt der Töpferei. Am 7. Februar werden im Werkraum kleine Küchenutensilien getöpfert. Am 9. Februar kann mit Roland Huber die Kunst des Backens im Holzofen erlernt werden. Die Teilnehmer können ihre selbst erzeugten Backwaren auf ihren getöpferten Tonschalen schneiden und arrangieren.

Abgerundet wird die Schaustellung rund ums Handwerk mit einer Podiumsdiskussion am 11. Februar. Angelika Atzinger vom Verein Amazone, Wolfgang Maschek, der Erbauer des schnellsten Flugzeugs der Welt, Kurt Bereuter vom Vorholz-Institut sowie Bernadette Rüscher und Walter Lingg vom Barockbaumeister Museum diskutieren das Thema Handwerk in einer offenen Runde. VN-AMA