Zugabe von Ines Strohmaier
Die Dächer färben sich weiß und im
Radio laufen wieder Wham und
Mariah Carey. In den Gassen der
Altstadt tummeln sich Menschen an
Weihnachtsmarktständen und suchen
nach perfekten Geschenken für ihre
Liebsten. Ich beobachte das
vorweihnachtliche Geschehen
und reflektiere.
Meine schönsten
Weihnachtserinnerungen führen mich
fast alle zurück in die Zeit, als der
Christbaum noch doppelt so groß
gewesen ist, wie ich selbst und ich
stundenlang damit beschäftigt war
Schneeflockenformen nachzumalen.
Ich erinnere mich, wie ich aus
Vorfreude alle Kerzen des
Adventkranzes schon Anfang
Dezember angezündet habe, in der
Hoffnung, dass dadurch das
Christkind schneller kommt.
Unsere sorgsam erstellte Wunschliste
legten mein Bruder und ich ans
Fenster, wo sie abgeholt wurde. Jedes
Jahr aufs Neue haben wir am 24sten
gewartet und alles daran gesetzt zu
sehen, wie das Christkind die
Geschenke bringt.
Auch mag ich mich erinnern an den
Duft frisch gebackener Vanillekipferl
und an den Versuch, heimlich welche
aus der Keksdose zu stibitzen.
Heute backe ich die Kekse selbst,
plane, wie ich mir meine
Weihnachtszeit einteilen kann, um sie
mit möglichst allen mir
nahestehenden Menschen verbringen
zu können und versuche, den
Erwartungshaltungen um mich herum
gerecht zu werden. Immer wieder
muss ich mich dabei erinnern, nicht
zu streng mit mir selbst zu sein. Ein Mensch kann nicht nur mehrere
Heimaten, sondern auch mehrere
Familien haben.
Weihnachten ist immer das, was wir
daraus machen.
Dieses Jahr möchte ich zu
Weihnachten Glücksmomente teilen
und die Freude im stimmigen,
wohltuenden Zusammensein
zelebrieren. Ich möchte das Fest der
Liebe wieder wie durch
Kinderaugen sehen und unbeschwert genießen.
Symbolisch für das Zusammensein
möchte ich hier noch einen schönen,
polnischen Brauch teilen. Für das
Weihnachtsessen wird immer ein
Teller mehr gedeckt, als Personen
anwesend sind. Schließlich könnte
es sein, dass eine bedürftige Person
an die Türe klopft oder dass jemand,
mit dem man nicht gerechnet hat,
sich dazugesellen möchte. Für mich
bedeutet dieser Brauch: Egal ob du
arm oder reich bist, Weihnachten
feierst oder nicht, an meinem Tisch
ist Platz für dich.