Im Vorzimmer der Gefühlsstürme

Kultur / 10.12.2021 • 17:54 Uhr
Darsteller legen engagiert Bedeutungsschichten frei. CJU
Darsteller legen engagiert Bedeutungsschichten frei. CJU

Johan Simons macht aus Shakespeares „King Lear“ eine spielfreudige Versuchsanordnung.

ZÜRICH Es ist eines der schwärzesten Stücke der Dramenliteratur. Der alte König Lear will seine Macht abgeben und wägt hierfür die Liebe seiner drei Töchter zu ihm. Er lässt sich täuschen, und schon beginnt der Höllenritt: Alles, was unverrückbar schien, stürzt zusammen. In einer Parallelhandlung erkennt auch Lears Ratgeber Graf von Gloster mit tragischen Folgen zu spät, wer von seinen, Glosters, beiden Söhnen aufrichtig ist.

Grausamkeiten in Serie, Kampf zwischen Nationen und Generationen, Sturm und Wahnsinn, Auseinanderbrechen von Familien, am Ende ein Berg von Leichen: Angesichts dieser Schreckensbilanz in William Shakespeares Fünfakter mutet dessen Inszenierung durch Johan Simons, die 2020 in Bochum entstanden und jetzt als Zürich-Premiere im Pfauen gezeigt worden ist, eher unaufgeregt an. Emotionsarm oder gar unbeteiligt wirkt sie allerdings nicht, und immer wieder legen die engagiert und differenziert spielenden Darsteller Bedeutungsschichten frei. Ja, und manchmal gehen sie sogar ganz aus sich heraus. Vor allem Anna Drexler, die hier eine Stühle umschmeißende Cordelia gibt, die jüngste der Töchter, die den Widersinn von Lears „Liebeswettbewerb“ und die Heuchelei ihrer Schwestern durchschaut, und zusätzlich den Narren mit einem poetisch-skurrilen Dreh über die Rampe bringt. Auch bei Steven Scharf gewinnt das Leiden des Grafen von Gloster Dringlichkeit. Und Pierre Bokma zeigt eindrucksvoll, wie die Titelfigur auch ohne demonstrativ schäumende Wut und schnaubende Choleriker-Anfälle Kontur gewinnen kann: indem er auch Lears weichere, verletzliche Seite zeigt.

Katastrophen auf Abstand

In fantasievoll vom Heute auch in die Renaissance zurückspringenden Kostümen (Greta Goiris) agieren in den weiteren Rollen überzeugend Konstantin Bühler, Patrick Berg, Stefan Hunstein und Ann Göbel sowie Mourad Baaiz und Michael Lippold. Wobei Simons die Katastrophen in diesem Endspiel gleichsam etwas auf Abstand hält. Prominent gewichtet erscheint hierbei die Deklamation des Textes – bei einer eigens in Auftrag gegebenen Neuübersetzung durch Miroslava Svolikova. Und Verfremdungseffekte stiftet auch das Bühnenbild von Johannes Schütz, wo sich hinter einem Erdhügel ein zusätzlich per Livekamera vergegenwärtigter Raum befindet: eine Teeküche wie aus einem jetztzeitlichen großen Büro, wo die Schauspieler auf ihren Auftritt warten. Stark die Wirkung, wenn die Wand weiß und die Öffnungen in ihr schwarz werden, als Gloster geblendet worden ist.

Bei allen Qualitäten und aller Sorgfalt fehlt es insgesamt etwas an grenzüberschreitender Sogkraft. tb