Tänzerin und Bürgerrechtlerin

Kultur / 05.12.2021 • 21:53 Uhr

Seit 1791 ehrt Frankreich seine Helden und Heldinnen mit einem Ehrengrab im Pariser Panthéon. Josephine Baker ist neben 72 Männern die fünfte und erste schwarze Frau, die neben Berühmtheiten wie Voltaire, den Curies, Zola oder Simone Veil einen Ehrenplatz in Frankreichs Ruhmeshalle erhält.

Diesmal möchte ich meinen Kommentar dieser tapferen Frau, schillernden Persönlichkeit und einzigartigen Tänzerin widmen. Einer Frau, die unglaubliche Zivilcourage bewies und zu Unrecht vielfach nur als Tänzerin und Königin der Varietés wahrgenommen wurde. Zweifelsohne war sie mit ihren Auftritten, mit Bananenröckchen (oder ohne) die Sexgöttin ihrer Zeit, erotische Projektion der Männergeneration in der Zwischenkriegszeit, den „Roaring Twenties“.

Die in ärmsten Verhältnissen geborene Amerikanerin befriedigte in einer Ära des Kolonialismus nicht nur Klischees des Wilden und ausschweifender Erotik. Die Kritik sah in ihr „kein groteskes schwarzes Tanzgirl“, sondern schwärmte von „jener schwarzen Venus, die den Dichter Baudelaire in seinen Träumen heimsuchte“. Baker verkörperte aber vielmehr auch, wie dies Laurent Kupfermann ausführte, die Freiheit und Selbstbestimmung der Frau.

Die begnadete und selbstbewusste Tänzerin war Widerstandskämpferin, Spionin und Bürgerrechtlerin, die sich nicht nur weigerte, vor den deutschen Okkupanten aufzutreten, sondern auch ihr Leben riskierte, indem sie gegen sie spionierte und alliierte Agenten und Résistance-Kämpfer in ihrer Truppe unterbrachte. 1941 ging sie nach Nordafrika, wo sie für General de Gaulle, den Anführer des freien Frankreichs, arbeitete und vor allem Geld für den Widerstandskampf sammelte. Dabei steuerte sie auch ein Gutteil ihrer eigenen Gagen bei. Insgesamt soll sie mehr als (heute) zehn Millionen Euro aufgetrieben haben. Die letzten beiden Kriegsjahre trat sie als Pilotin und Propagandaoffizierin in die französischen Luftwaffe ein und betreute die kämpfende Truppe auch, indem sie Konzerte organisierte. Für ihre Verdienste wurde sie in die französische Ehrenlegion aufgenommen. Baker setzte sich nach dem Krieg massiv gegen die Rassendiskriminierung von Schwarzen in den USA und für ihre Bürgerrechte ein, was ihr in der McCarthy-Ära den Vorwurf, eine Kommunistin zu sein, eintrug. Präsident Kennedy hob erst 1963 das gegen sie verhängte Einreiseverbot in die USA auf.

Josephine Baker sprach auf dem berühmten, von Martin Luther King initiierten Marsch („Ich hatte einen Traum“) auf Washington, später versuchte sie im Süden Frankreichs auf ihrem Landsitz eine „Regenbogengemeinde“ um sich aufzubauen. Sie adoptierte zwölf Waisenkinder unterschiedlichster „Couleur”, die sie im Sinne ihrer Ideale von Gleichheit, Freiheit und Antirassismus erzog. 1975 starb sie wenige Tage nach einem vielbeachteten Comeback. Mit der Aufnahme von Josephine Baker ins Panthéon setzt Frankreich nicht nur ein Zeichen für eine emanzipierte, idealistische und starke Frau, sondern auch gegen Rassismus und Vorurteile.

„Mit der Aufnahme von Josephine Baker ins Panthéon setzt Frankreich nicht nur ein Zeichen für eine emanzipierte, idealistische und starke Frau, sondern auch gegen Rassismus und Vorurteile.“

Gerald Matt

gerald.matt@vn.at

Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.