Über ein tragikomisches Paradoxon
Bayreuth, Hügel, Ring, Staatsakt, Ergriffenheit und Schauder, Smoking und Abendrobe, Merkel und ihr Sauer, Götterdämmerung: „Ruhe, ruhe du Gott!“ ruft Brünhilde dem Gott der Götter Wotan in ihrem Schlussgesang zu und entzündet das apokalyptische Feuer. Walhalla, der Wohnsitz der Götter brennt. Doch dieser Mythos erzählt nicht vom Ende der Welt, sondern von der untergehendenden Götterwelt, auf deren Trümmern eine neue Welt entsteht. Die Frage, wie der Schluss des Werks zu interpretieren sei, ist eine der Schlüsselfragen bei der Deutung der Ring-Tetralogie. So changieren die „Götterdämmerung“ und ihre Interpretationen bis heute zwischen den Polen der revolutionären Proklamation einer neuen Humanität und einer reaktionären Resignation und nihilistischen Todessehnsucht.
So schrieb Wagner, Revoluzzer des Jahres 1848/49, in der Schrift „Revolution“, beeinflusst durch Ludwig Feuerbach und das Werk von Michael Bakunin, den er kannte und schätzte: „Zerstören will ich die bestehende Ordnung der Dinge, welche die einige Menschheit in feindliche Völker, in Mächtige und Schwache, in Berechtigte und Rechtlose, in Reiche und Arme teilt, denn sie macht aus allen nur Unglückliche . . .“
Am Ende der „Götterdämmerung“ brandet der Applaus.
Zufrieden und geläutert wenden sich die Wagnerianer und Wagnerianerinnen wiederum Smalltalk, Champagner und Petit fours zu. Und so genießt die Elite auf der Bühne die Revolution gegen sich selbst, zelebriert das Ende einer Welt, von der niemand mehr als sie selbst profitiert. Kunst, ein risikoloses Placebo, typisch Bourgeoisie!
Doch weit gefehlt, dies ist in Tempeln des kritischen Bewusstseins nicht anders. Auch hier feiert man, von politischer Korrektheit und moralischer Empörung ergriffen, vor allem sich selbst und den „feinen Unterschied“ (Pierre Bourdieu).
Wie engstirinig sind doch die, die bei Mohrenbräu nur an Bier denken, die lieber Fußballspiele als zeitgenössische Kunstausstellungen besuchen und die immer noch gerne mit dem Auto in den Urlaub fahren. Da jettet man lieber von Symposium zu Symposium, um die Welt vor dem Klimawandel, Machismus und Rassismus zu retten und lobt Kapitalismuskritik bei Verkaufsgesprächen auf Kunstmessen. Und in Kunstausstellungen, die nichts weniger als die Welt verbessern sollen, bleibt man dann doch lieber unter sich und bestätigt sich durch gegenseitiges Schulterklopfen die eigene moralische Überlegenheit.
Thomas Mann bezeichnete die Begeisterung der Eliten für Wagners „Götterdämmerung“ und ihre Absicht, die „kapitalistisch-bürgerliche Ordnung“ durch „eine von Machtwahn und Geldherrschaft befreite, auf Gerechtigkeit gegründete Menschenwelt abzulösen“ als „tragikomisches Paradox. Das gilt um nichts weniger auch für die moralisch zwischen „Gendern“, „Antikolonialismus “ und „Political Correctness“ und „Black Life matters“ auftrumpfende Kunstelite.
„Dies ist in Tempeln des kritischen Bewusstseins nicht anders. Auch hier feiert man, von politischer Korrektheit und moralischer Empörung ergriffen, vor allem sich selbst.“
Gerald Matt
gerald.matt@vn.at
Dr. Gerald Matt ist Kulturmanager und unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.