Erst kuscheln, dann killen

Kultur / 29.08.2021 • 18:28 Uhr
MatouMichael Köhlmeier, Carl Hanser Verlag, München 2021, 957 Seiten, 34 Euro

Matou

Michael Köhlmeier, Carl Hanser Verlag, München 2021, 957 Seiten, 34 Euro

Michael Köhlmeiers „Matou“ ist ein literarisches Großwerk über die Gemeinheit des Menschen.

Roman Schon am Anfang rollen viele Köpfe. Der Rechtsanwalt, Politiker und Wortführer der Französischen Revolution, Camille Desmoulins, wird aufs Schafott geführt, weil er nicht aufhören wollte, den Terror seines ehemaligen Weggefährten und Jugendfreundes Maximilien Robespierre anzuprangern. Noch bei seiner Verhaftung hatte sich Desmoulins selbstbewusst von seiner Frau Lucile verabschiedet, weil er meinte, die Ankläger von seiner Unschuld überzeugen zu können. Doch weil der Wohlfahrtsausschuss um die Wirkkraft seiner Rhetorik weiß, muss Camille sterben, genau wie Lucile, die sich über die Hinrichtung des Gatten beschwert hatte. Auch andere Kritiker des Terrors, etwa Desmoulins Verbündeter Georges Danton, landen in diesen Tagen unter der Guillotine. Bei allem Blutvergießen immer dabei: der Kater Matou, der sich für die wortgewaltige Sprache der Menschen genauso interessiert wie für die Blutseen unter den Hinrichtungsstätten.

Katzen haben sieben Leben, heißt es im Volksmund, und im angelsächsischen Sprachraum dürfen die Vierbeiner sogar neunmal auf die Welt kommen. Der Vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier hat diese Redeweise zum Konstruktionsprinzip seines neuen Romans „Matou“ gemacht. Dabei ist die Titelfigur auch der Erzähler, der am Ende seiner Abenteuerreisen jene umfangreiche Autobiografie schreibt, die wir mit Erstaunen und Erschrecken lesen.

Sein zweites Leben verbringt Matou im Hause von E.T.A. Hoffmann, der die Katze mit der menschlichen Sprache vertraut macht. Das ist kein Zufall, immerhin verfasste der einflussreiche Schriftsteller die „Lebensansichten des Katers Murr“, die in gewisser Weise auch als Vorbild für Köhlmeiers Roman gelten können. Während Murr seine Ausführungen hinterlässt, „damit sie lerne, wie man sich zum großen Kater bilde“, ist Köhlmeiers kleiner Angeber weniger vom eigenen Genie überzeugt und dementsprechend neugieriger. So verbindet Matou seine Anekdoten mit einer grundsätzlichen Recherche, möchte er nämlich herausfinden, was den Menschen ausmacht. Die Antworten sind so schonungslos wie ernüchternd. In allen Lebensphasen wird der Kater mit Mord und Totschlag konfrontiert.

Der Mensch tritt zwar gerne als Kulturwesen auf, das mit Katzen kuschelt, verhält sich aber immer auch als kaltblütiges Monster, wie etwa auf der Insel Hydra: Ein Junge wird von einem Kater gekratzt, die Wunde entzündet sich, das Kind stirbt. Schon gibt es ein neues Feindbild! Die Bewohner Hydras, die mal stolz waren, auf einer „Insel der Katzen“ zu wohnen, jagen nun die Tiere, die sie zuvor noch gehätschelt und verwöhnt hatten. Matou überlebt das Inferno und gründet, auch zum Schutz der verbliebenen Artgenossen, einen autoritären Katzenstaat.

Zu den kuriosesten Passagen des Romans gehören die Übergänge von einem zum nächsten Katzenleben. Das Zwischenreich der domestizierten Raubtiere heißt das „Weggemachte“, weil dort weggemacht ist, „was im Diesseits gezwickt, gezwackt, gejuckt und gezuckt hat“. Dort verharren die Katzenseelen nur eine kurze Zeit, da sie in einem „Großen Katalog“ aussuchen können, wo und wann sie wiedergeboren werden: Köhlmeier lässt seinen Kater noch unruhige Tage in Prag erleben, als der Erste Weltkrieg bevorsteht. Außerdem wird sich Matou mit schlimmsten Kolonialverbrechen in Afrika auseinandersetzen müssen. Zur eigenen Verwunderung wird er im sechsten Leben auf dem Arm von Andy Warhol von einer Party zur nächsten getragen. Doch auch (oder vielleicht gerade) die Protagonisten der dekadenten Pop-Kultur schweben ständig in der Gefahr, ermordet zu werden.

Unterhaltsames Lehrstück

„Matou“ ist ein Mammutbuch, das mit vielen Literaturgattungen spielt. Es handelt sich sowohl um einen Bildungs- als auch um einen Abenteuerroman, historische und fantastische Elemente werden vermischt. So vielschichtig die Themen, so zahlreich die Sprachformen, der Text zerfällt dennoch nicht in Einzelteile, was vor allem daran liegt, dass Köhlmeier die sieben Grundgeschichten sowohl inhaltlich als auch ästhetisch miteinander verwebt. Dabei besteht die literarische Kunst des Autors auch darin, mit Matous Memoiren eine Form gewählt zu haben, in der das Grauen mit einer Art katerlistigem Galgenhumor ausgebreitet wird. So ist ein erstaunlich unterhaltsames Lehrstück über die großen und kleinen Gemeinheiten der Menschen entstanden, über Höhepunkte sowie Niederungen der Kulturgeschichte, und nicht zuletzt ein grandioses Buch über die Vielfalt des literarischen Schreibens.